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15.10.2019

Bad Kissingen auf dem Weg zum Weltkulturerbe

Bad Kissingen auf dem Weg zum Weltkulturerbe

Regentenbau, Arkadenbau, Kurtheater und mehr – Bad Kissingen glänzt mit prachtvoller, gepflegter Architektur. Diese Bauwerke sind sichtbarer Beleg einer jahrhundertealten europäischen Tradition: Der sommerlichen Fahrt ins „Bad“.

Elf weltweit renommierte Kurstädte haben sich zusammengetan, um die bauliche und städtebauliche Ausprägung dieser Tradition als Unesco-Welterbe anerkannt zu erhalten. Dies sind neben dem Bayerischen Staatsbad Bad Kissingen Karlsbad, Marienbad, Franzensbad, Spa, Baden-Baden, Bad Ems, Bath, Vichy, Montecatini Terme und Baden bei Wien. Dazu sprachen wir mit Peter Weidisch, Kulturreferent der Stadt Bad Kissingen.

Bus-Fahrt: Warum bemüht sich Bad Kissingen, von der Unesco als Welterbe anerkannt zu werden?
Peter Weidisch: Die Great Spas of Europe verkörpern gemeinsam die europäische Kurstadt in ihrer Vollendung, wie sie sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat.

Sie besitzt eine funktional differenzierte Stadtstruktur, mit Kurviertel, Viertel mit Hotels und Logierhäusern sowie Versorgungs- und Dienstleistungsviertel, einen spezifischen Gebäudekanon, ist durchsetzt mit Gärten und Parks und erstreckt sich über Promenadewege, mit Aussichtspunkten und Ausflugszielen in die grüne Umgebung. Für die große und internationale Gästeschar gab es vielfältige Unterkünfte sowie ein breites Angebot an Vergnügungs- und Unterhaltungsmöglichkeiten.

Bad Kissingen hat diesen Typus im Stadtbild und mit seinen Angeboten bis heute bewahrt. Bad Kissingen hält dies für bemerkenswert, vermittelbar und möchte dies wertgeschätzt wissen.

Die hohe Unversehrtheit kommt im Übrigen nicht von ungefähr. Die Stadt hat seit 100 Jahren – der Abbruch der Stadttore und die Niederlegung der Mauern setzen den Ausgangspunkt – kontinuierlich alles darangesetzt, das Stadtbild repräsentativ zu gestalten, hat eine Bauordnung erlassen, Baulinien festgesetzt, neue Straßen mit point de vues am Ende geplant und mit Argusaugen darüber gewacht, dass Veränderungen verträglich blieben.

Der bayerische Staat hat mit den ästhetisch anspruchsvollen Kurbauten das Seine dazu beigetragen. Eine Ernennung der „Great Spas of Europe“ zum Weltkulturerbe wäre eine Würdigung und Bestätigung dieser Anstrengungen und gäbe Impulse für die Fortführung der Stadtpolitik.

Natürlich erhofft sich Bad Kissingen damit auch eine Ausweitung seines Bekanntheitsgrades und neue Zielgruppen für seine touristischen Angebote, denn die Stadt lebt nach wie vor von den Geschäftsfeldern Gesundheit, Kultur und Tourismus.

Bus-Fahrt: Mit welchen Besonderheiten und Alleinstellungsmerkmalen punktet Bad Kissingen?
Weidisch: Bad Kissingen prunkt zunächst mit dem so genannten „Kurgartenensemble“, dem Kurgarten selbst, sowie den Bauten von Friedrich von Gärtner und Max Littmann.

Beim Kissinger Kurgarten wurde ein neues Konzept verwirklicht: Erstmals wurden die an Kurorten verbreiteten Alleen und „Spielwiesen“ zusammengeführt.

So wurde eine Art Freiluftsalon für Kurgäste geschaffen, der nicht nur für das vorgeschriebene Wandeln während der Trinkkur diente, sondern auch für Geselligkeit. Gärtners Arkadenbau mit angeschlossenem „Conversationssaal“ wurde in dem seinerzeit hochmodernen Rundbogenstil erbaut.

Die Bauten Littmanns standen zur Bauzeit technisch in vorderster Linie. Wandelhalle und Kurhaus (Regentenbau) verkörperten gegen Ende der Weltbadzeit die funktionale Vollendung des jeweiligen Bautypus. Gerade wegen der Littmannbauten steht Bad Kissingen in der Serie für das Kurbad des beginnenden 20. Jahrhunderts. Es bildet eine Brücke in die Moderne.

Darüber hinaus ist Bad Kissingen der einzige Kurort der Serie mit dem im 19. Jahrhundert äußerst angesagten Heilmittel Sole. Im Norden der Stadt hatte sich um die Solequelle, dem Runden Brunnen, ein zweites Kurzentrum herausgebildet.

Die Technik zur Bereitung der Heilmittel „Gutsole“ (durch Gradierung hoch konzentrierte Sole), Mutterlauge (der hochmineralisierte Rückstand in der Pfanne am Ende des Siedeprozesses) und Badesalz – alle wurden zur differenzierten Bereitung von Solebädern verwendet – ist bis heute erhalten und einmalig: Pumpenanlagen, Gradierbau, auch als Freiluftinhalatorium in Gebrauch, Gutsolereservoir (in Bad Kissingen als „Salzhaus“ bezeichnet) sowie die Sudanlage.

Ferner weist Bad Kissingen eine besondere Stärke im Bereich der Infrastruktur auf. Weltbäder besaßen im ländlichen Umfeld eine großstädtische Infrastruktur. Am Bad Kissinger Schlachthof kann der Kurbezug besonders gut vermittelt werden.

Nicht nur erwähnt die Bauinschrift ausdrücklich die Kurgäste, der Bau enthält nicht nur Besuchergalerien und eine im Hinblick auf Besucher ästhetisch gestaltete Halle, sondern die Gebäudehülle des Schlachthof verbirgt gekonnt den hohen „Industrieschornstein“, der als unpassend für eine Kurstadt erachtet wurde.

Nicht zuletzt hat Bad Kissingen auch immaterielle Elemente des Kurwesens bewahrt, wie den Brunnenausschank durch die traditionellen Brunnenfrauen und das Kurorchester, die „Staatsbad Philharmonie Kissingen“ oder das „Kissinger Diktat“, mit dem Reichskanzler Otto von Bismarck eine Friedenssicherung für das Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu erreichen suchte.

Bus-Fahrt: Welche Impulse setzt das Kurbad, um auf Höhe der Zeit zu bleiben?
Weidisch: Die Zeit verlangt nach Entschleunigung – Bad Kissingen stellt seit 2015 sein vorhandenes Potenzial, von den Quellen über die Heilanwendungen, die Gärten und Parks, die grüne Umgebung, die Kultur- und Vergnügungsangebote sehr erfolgreich unter das Motto „Entdecke die Zeit“.

Die Stadt unternimmt zudem große Anstrengungen mit dem Projekt „Neue Altstadt“ und den Sanierungsgebieten, um einerseits das Erbe zu bewahren, andererseits moderne Wohn- und Lebensqualität zu bieten.

Bus-Fahrt: Was wiegt schwerer – die Tradition oder die Moderne?
Weidisch: Mit der Ausrichtung Bad Kissingens auf das Motto: „Entdecke die Zeit“ führt die Kurstadt die Tradition in die Moderne. Da gibt es keinen Gegensatz. Die Tradition der Weltkurbäder ist es, stets auf der Höhe der Zeit oder sogar Vorreiter zu sein.

Weltkulturorte waren tolerant, etwa religiös, als rundum alles intolerant war. An Weltkulturorten pflegte man gesellschaftliche Offenheit in Zeiten der Ständegesellschaft. Der Kurgast konnte in Bad Kissingen die neuesten architektonischen Strömungen begutachten, bis zu neuen Baustoffen wie Gusseisen und Stahlbeton.

Bad Kissingen war die erste Stadt Bayerns, die nicht nur im ganzen Stadtgebiet über eine Schwemmkanalisation verfügte, sondern alle Haushalte verpflichtend daran anschloss. Nicht zuletzt brachte das Kurorchester während der Brunnenzeiten den Gästen brandneue Werke zu Gehör.

Bus-Fahrt: Wann startete das Projekt, warum und wie?
Weidisch: Der Weg ist lang. 2011 begonnen, erfolgte bereits 2013 ein wichtiger Schritt: die Aufnahme von Bad Kissingen auf die Unesco-Vorschlagsliste der Bundesrepublik Deutschland, gefolgt 2014 von der Aufnahme der Bewerbung „Great Spas of Europe“ in die Tentativliste der Unesco.

Es schlossen sich Jahre intensiver Arbeit an den Bewerbungsunterlagen, dem Nomination Dossier, an. Es galt nicht nur zu beschreiben, was das Erbe ausmachen soll und wie es geschützt werden kann, sondern auch die elf Städte in sieben Staaten zu koordinieren.

Insgesamt 1.434 Seiten in sechs Bänden umfasst das Werk und wiegt 5,3 kg. Zwar kann man Qualität nicht in Zahlen ausdrücken, doch lässt sich daran zeigen, wie viel Arbeit hinter dieser Bewerbung steht.

Insbesondere die wissenschaftliche Qualität des Inhaltes spielt eine bedeutende Rolle und spiegelt das Engagement der Stadt Bad Kissingen mit seinen Partnern für die Bewerbung. Mit dem internationalen Symposium „Kurort und Modernität“ in Bad Kissingen haben wir beispielswiese einen hervorragenden Beitrag geleistet.

Bus-Fahrt: Wie sieht der Zeitplan aus – bis wann soll was „stehen“?
Weidisch: Das Nomination Dossier wurde im Januar von den Oberbürgermeistern der „Great Spas of Europe“ und den Unesco-Botschaftern der sieben beteiligten Staaten in der tschechischen Botschaft in Paris unterschrieben.

Der tschechische Botschafter übergab dann den Hauptantrag an das Unesco-Hauptquartier in Paris. Denn so genannte serielle Bewerbungen mit Teilnehmern aus verschiedenen Staaten brauchen einen Federführer. Im Fall der Bewerbung „Great Spas of Europe“ ist dies Tschechien, das ja auch mit dem „böhmischen Bäderdreieck“ markant in der Bewerbung vertreten ist.

Im Laufe dieses Jahres stehen weitere Termine für die Bewerberstädte an. Ein wesentlicher Baustein ist die sogenannte „Technical Mission“.

Alle Städte der „Great Spas of Europe“ werden von Spezialisten der Icomos, der Beratungsorganisation für die Unesco besucht werden, welche die „Great Spas of Europe“ genau unter die Lupe nehmen. Für die Entscheidungsfindung zur Ernennung zum Unesco-Welterbe ist dies ein weiterer entscheidender Schritt.

Mit einer Entscheidung über die Anerkennung der „Great Spas of Europe“ als Unesco-Welterbe wird in 2020 gerechnet.

Bus-Fahrt: Bitte beschreiben Sie Ihre Tätigkeit um die Bewerbung!
Weidisch: Als Projektleiter bin ich für den Anteil Bad Kissingens an der Gesamtbewerbung verantwortlich, das heißt für die spezifischen Beiträge Bad Kissingens und für die Abstimmung mit den Projektpartnern innerhalb der „Great Spas of Europe".

In das weite Aufgabenspektrum fällt auch der fachliche Dialog und die Koordination aller in das Projekt involvierten nationalen, regionalen und überregionalen Gruppen und Behörden, also vom Auswärtigen Amt bis hin zum Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst oder zum Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.

In dieser Leitungsfunktion bin ich in allen Steuerungs- und Arbeitsgruppen des ambitionierten Projektes „Great Spas of Europe“ präsent. In meiner Zuständigkeit als „Sitemanager“ fällt die Erstellung des lokalen Managementplans, so für die Fragen: Wie können und wollen wir das nominierte Erbe schützen und in die Zukunft transportieren?

An dieser Stelle geht ein großer Dank an mein kleines Projektteam. Ohne eine effiziente, professionelle Zusammenarbeit, ohne die fachlichen Diskussionen, Recherchen, Quellen- und Archivstudien, die umfangreichen wissenschaftlichen Detailarbeiten – über viele Jahre hinweg – wären wir nicht da, wo wir heute stehen, würden wir das Licht am Horizont des Unesco-Meeres nicht sehen.

 

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