BUS-Fahrt BUS-Fahrt Das Portal für die Omnibusbranche
15.08.2019

Das neue Pferd im Stall

Die Strategen von Otokar hatten noch um etwas Geduld gebeten, jetzt ist er zu haben: Der neue Reisemidi Ulyso T mit modernem Design und vielen guten Ideen. Ist er so gut, wie er aussieht?

Schon der Name Ulyso sorgt für Vorfreude und Appetit aufs Reisen. Die Odyssee als Ursprung aller Reisen, gewürzt mit einer Prise elitären Anspruchs – man kann einem Reisebus sicher banalere Namen geben. Ob der neue Reisemidi von Otokar der richtige Partner für eine Odysee ist, wollen wir wissen und fahren bei hochsommerlichen Temperaturen ins bayerische Oberland.

Der Ulyso T tritt in die Fußstapfen seines Vorgängers Vectio, der jetzt nach mehr als einem Jahrzehnt Bauzeit und zahlreichen Aufwertungen das Feld räumen muss. Auch wenn ihm der große Durchbruch hierzulande verwehrt blieb, konnte man ihm durchaus einen gewissen Achtungserfolg attestieren. Das Grundpaket stimmte jedenfalls, wenngleich die Optik eher bescheiden ausfiel. Und genau hier setzt das neue Modell an.

Bemerkenswertes Outfit
Schon die ersten Messeauftritte des Ulyso haben für die nötige Aufmerksamkeit gesorgt. Mit dem Effekt, dass sich die anderen Otokar-Exponate nicht mehr taufrisch im Scheinwerferlicht sonnten. „Der Ulyso ist der Vorreiter“, erklärt der Testbegleiter, „der Reisemidi trägt das neue Familiengesicht, weitere Modelle werden folgen.“
Das Outfit mutet puristisch klassisch an, die beinahe spartanische Linienführung betont die Urform und verzichtet weitgehend auf Zierrat. Bis auf die Aluspangen an den Seiten, damit wird der Vorgänger Vectio zitiert. Doch die Biederkeit des Vorgängers ist wie weggeblasen. Das gekonnte Spiel der Linien integriert die Front mit einer großen Frontscheibe, diese Optik wäre auch eines Premium-Hochdeckers würdig. Selbst das Heck ist mehr als einen Blick wert. Die hochgezogene Fensterlinie, seitliche Einzüge, der Abriss der Dachkante, die schräggestellten Rücklichter, der Ulyso ist topschick eingekleidet.

Dazu gehören die Proportionen, die das Fahrzeug so vortrefflich aussehen lassen. Etwas mehr als 10 m Länge, relativ kurze Überhänge, mit 3,25 m eine moderate Höhe – der Ulyso T hält sich fast sklavisch an die Maße seines Vorgängers. Und ebenfalls wichtig: Kein schmalspuriges Fahrwerk, die 19,5“-Räder füllen ihre Behausung bis zum Anschlag – wir kommen noch später darauf zurück. Der 14,4-Tonner darf fast 500 kg mehr wiegen und bis zu 43 Fahrgäste befördern – damit fährt er, wenn man so will, schon in der nächsthöheren Liga mit.

Die Nutzlastbilanz gibt es jedenfalls her. Erst recht bei unserem Testkandidaten, er eignet sich mit 34 Sitzen plus Hecktoilette gut für kleinere Gruppen. Der Ulyso ist sorgfältig konzipiert und verlangt nur wenige Kompromisse. Nicht beim Raumangebot, auch die beiden Einstiege sind unverstellt und wirklich bequem. Der Innenraum präsentiert sich nüchtern in Grautönen mit schüchternen Farbakzenten, den Ulyso-Designern scheint der Mut zu einer spannenden Innenausstattung zu fehlen.

Immerhin, der Nachfolger des Vectio bekommt jetzt einen ebenen Boden mit podestfreier Bestuhlung und zieht im Wettbewerb mit dem Temsa MD9 nach. Fast 2 m Stehhöhe, die reichen, die 40er-Sitze mit Lederlätzen sehen appetitlich aus, fallen aber doch etwas schmal aus. Aber immerhin: Dreipunkt-Gurte auf allen Plätzen, die nächste Sicherheitsrunde ist eingeläutet. Zu einem späteren Zeitpunkt kann man eine opulente 2+1-Bestuhlung haben, so könnte der Clubbus von Otokar zu ganz großer Form auflaufen.

Aber auch in der Grundausstattung lässt sich der Mittelgang vernünftig begehen, nach hinten zur Toilette, die wie bisher in Fahrtrichtung links verbaut wird. Temsa verbaut sie rechts ins Eck, so lässt sich der restliche Raum weit besser nutzen. Für eine Heckküche mit Anrichte beispielsweise, die Sitze neben der Toilette lassen sich ohnehin nicht gut verkaufen. Nicht so recht überzeugt uns die Sütrak-Klimaanlage, die zwar mit ausreichend Kühlleistung punktet, aber vorn besser als im Heck und mit großer Lautstärke nervt. Immerhin heizt im Winter eine Dachkanalheizung zu, und ja: Otokar gönnt auch dem Fahrer einen eigenen Wärmetauscher.

Design ist nicht alles
Genug der optischen und haptischen Musterung, jetzt darf der Ulyso T endlich auf die Straße. Sitz und Lenkrad einstellen, der altertümliche Knebelverschluss an der Lenksäule will nicht so recht zu einem brandneuen Omnibus passen. Auch die Verstellmöglichkeiten des Lenkrads fallen arg beschränkt aus – große Fahrernaturen werden ein zu niedriges Volant beklagen. Ablagen und Flaschenhalter sind Mangelware, auch die Ergonomie des Cockpits lässt zu wünschen übrig, wenngleich sich die Designer formal um Originalität bemühen. Verstreute Schalter und stehende Pedale, das Navi-Display als Add-on-Gerät - hier besteht noch ausreichend Handlungsbedarf, wenn man den aktuellen Automotive-Standard zur Messlatte nimmt.

Aber bei der Motorleistung wird nicht geknausert. Otokar klotzt mit einem
320 PS starken Cummins-Diesel und kombiniert ihn mit eine Ecolife-Automatik von ZF. Die stärkste Ausführung des 6,7 l großen Reihensechszylinders soll für Dynamik sorgen, man muss nur wissen: Maximal 1.182 Nm werden von 1.150 bis 1.400 U/min serviert. Die kleine, aber nicht übermäßig kultivierte Maschine lebt von der Drehzahl, kommt aber bei 1.500 U/min kräftig zur Sache.

Um einerseits den Kraftstoffverbrauch zu zügeln und andererseits artgerechte Fahrleistungen ermöglichen, wird die ZF-Sechsgangautomatik mit den Schaltprogrammen „Eco“ und „Power“ installiert. Kann diese Driveline im Otokar-Midi überzeugen? Unsere ersten Erfahrungen in einem Konkurrenzprodukt fielen nicht gerade berauschend aus. Schon auf den ersten Kilometern die Entwarnung: Im Eco-Modus fährt der Ulyso T geschmeidig, aber nicht schneidig an. Das Getriebe schaltet komfortabel und frühzeitig, gewiss aber nicht leistungsbetont.

So wechselt die Automatik dann im Powerprozess die Gänge, jetzt darf der Cummins-Diesel ein weites Drehzahlfeld beackern. Wenn´s pressiert, kommt der Midi schneller in Schwung, aber harmonisch fährt er immer noch nicht. Kickdown-Eingriffe? Sieht der Hersteller nicht vor. Aber vielleicht geht es so besser: Wie wär´s mit der Eco-Schaltstrategie plus Kickdown-Funktion? Auf den Power-Modus verzichten wir gern, wenn wir uns gelegentlich Mehrleistung über die Drehzahl holen können. Was immer bleibt: Die Anfahrschwäche eines kleinen Turbomotors, der mit sechs Gängen auskommen muss.

Motor:
Cummins-Sechszylinder Typ ISB6,7E6C320, 4 Ventile pro Zylinder, Turboaufladung mit Ladeluftkühlung, Common-Rail-Einspritzung, abgasarm nach Euro 6c mit AGR, Partikelfilter und SCR-Kat.
Hubraum 6.700 cm³
Nennleistung235 kW (320 PS) bei 2.300 U/min
Maximales Drehmoment 1.182 Nm bei 1.150 – 1.400 U/min

Antrieb
ZF 6-Gang-Automatik Ecolife, einfach übersetzte Hypoid-Hinterachse, Übersetzung i = 4,30.

Fahrwerk, Lenkung, Bremsen
Vorderachse mit Einzelradführung Typ ZF RL 55 EC; starre Hinterachse Typ DANA 826293. Bereifung: 265/70 R 19,5
Hydraulische Lenkung HEMA 8098;
EBS-Bremsanlage mit Scheibenbremsen an allen Rädern, ABS und ASR integriert, Dauerbremse Getrieberetarder; ESP, Notbrems- und Spurassistent.

Maße und Gewichte
Länge/Breite/Höhe10.100 x 2.410 x 3.255 mm
Radstand 5.000 mm
Überhang vorn/hinten:2.208/2.892 mm
Innenstehhöhe 1.986 mm
Kofferraum 5,5 m3
Kraftstofftank 350 l
Zul. Achslasten VA/HA5.000/9.440 kg
Leergewicht (lt. Kfz-Schein)10.780 kg
Zulässiges Gesamtgewicht 14.440 kg

Fahrgastkapazität
Sitzplätze 34 +1 +1

Die Dana-Achse heult
Einmal in Fahrt, muss sich der Fahrer über die Leistungsentfaltung nicht mehr beklagen. Bei Tempo 100 kurbelt der Cummins-Diesel mit mehr als 1.700 Touren, gut so: Mit diesen Drehzahlreserven knickt der Reisemidi auch an Steigungen nicht so schnell ein. Auf der Autobahn darf es dann gern der Tempomat richten. Seine Bedienung mit Knopf und Ring am Lenkstockschalter ist etwas fummelig und will gelernt sein. Einen Abstandsregeltempomaten oder gar ein GPS-Geschwindigkeitsmanagement? Gibt es Stand heute für den Ulyso noch nicht.

Die wird der Ulyso-Chauffeur nicht unbedingt vermissen. Denn grundsätzlich ist die Bedienung einfach: Keine Schaltarbeit, ein handsames Fahrzeug, das überall durchkommt, was will man mehr? Der lange Radstand stabilisiert den Geradeauslauf, die breite Federspur vorn stützt den Reisebus bei flotter Kurvenhatz. Trotz der kleinen 19,5“-Räder fällt der Ulyso nicht in jedes Schlagloch, die feinfühlige Einzelradaufhängung steuert jetzt der Haus- und Hoflieferant ZF bei.

So zieht der neue Otokar-Midi mit großer Gelassenheit seine Bahn, ein wenig Kritik fängt sich nur die relativ schwergängige Lenkung ein. Ihr fehlt es an Rückstellkraft, in Wechselkurven oder Kreisverkehren muss man mehr kurbeln als man möchte. Und weil wir gerade beim Fahrwerk sind: Die Dana-Hinterachse heult und vermasselt die Geräuschmessung, der sonst so feine Ulyso hätte sicher eine bessere Lösung verdient. Die Fahrgeräusche im hinteren Fahrzeugdrittel sind eindeutig zu laut – zumindest, wenn man europäische Maßstäbe anlegt.

Unter dem Strich
Mit dem Ulyso T kann man sich sehen lassen – auch bei anspruchsvollen Kunden. Sein Auftritt ist betont klassisch europäisch und kein bisschen exotisch. Dieser Midi macht auch neben bekannten Premium-Fahrzeugen keine schlechte Figur. Das Konzept stimmt, bei den Grundfunktionen verdienen zuerst die Fahreigenschaften ein Lob – sie sind wirklich hervorragend.

Die vielen Wenn und Aber im Testbericht sind teils dem frühen Serienstand geschuldet. Wir sind der Meinung: Der Ulyso T hat das Zeug zum Bestseller, wenn er nur genügend Zuwendung erfährt. Der Ulyso T braucht noch etwas Feintuning, ein wenig beim Triebstrang, etwas bei der Klimatisierung und ganz sicher bei der Innenakustik.

Wolfgang Tschakert

 

Anzeige

Blättern Sie in der Sonderausgabe mit ausgewählten Premium-Zielen 2018.

Sie planen einen Gruppenausflug? Dann finden Sie in unseren Themenspecials sicherlich etwas passendes.

bordspielDer Bestseller der Bus-Fahrt: das Unterwegs-Quiz „Reisequiz“. 15 Fragen zu einer Stadt oder Region, kostenlos zum Download. mehr ...

 

Der beliebte Kursus der Bus-Fahrt für Reiseleiter, Busfahrer, Ausbilder und Chefs, die Reiseleiter und Busfahrer einsetzen und ausbilden. mehr ...

 

Besuchen Sie BUS-Fahrt bei Facebook Besuchen Sie BUS-Fahrt bei Twitter

Nach oben

© Bus-Fahrt – Das Portal für die Omnibusbranche 2019