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15.07.2018

Der Design-Bus auf dem Prüfstand

Im Mittelpunkt der Premium-Diskussion bei MAN stehen der Cityliner und sein Fahrzeugkonzept. Bei der Gelegenheit haben wir den modellgepflegten Neoplan nochmal verkostet.

Mit den neuen Hochdecker-Modellen Tourliner (Neoplan) und Lion‘s Coach (MAN) hat sich der Druck auf den Neoplan Cityliner weiter erhöht. Den Controllern und Produktplanern des Konzerns ist der „City“ längst ein Dorn im Auge, schließlich passen die Designer-Modelle nicht in den Baukasten und lassen sich auch längst nicht so rationell fertigen.

Auf der anderen Seite steht der Cityliner wie kein anderes Modell für die Marke Neoplan – treue Kunden sehen hier ein Glaubwürdigkeitsproblem. Und gleichzeitig ist in der Omnibuszentrale eine Premiumdiskussion entbrannt.

Der Meinungsaustausch mit den Kunden über Werte, Preise und Geschäftsmodelle mündet wahrscheinlich in eine baldige Neupositionierung des Cityliners – wie immer sie wohl aussehen wird.

Neoplan Individual
Schon deshalb hier unsere Bestandsaufnahme, wie von uns gewohnt distanziert und kritisch. Auch wenn der Cityliner mit seinem Auftritt noch immer ein starkes Statement setzt: Selbst nach zwölf Jahren sieht er weiterhin taufrisch und so ganz anders als der Wettbewerb aus.

Und hier haben wir es mit einem ganz besonderen Modell zu tun. Der zweiachsige Cityliner gibt mit 36 Sitzen inklusive einer sechssitzigen Hecklounge die Großraumlimousine. Deshalb sind wir auch nicht auf die Waage gefahren – das individuelle Fahrzeugkonzept wird per Einzelabnahme zugelassen.

Von der Konzeption bis zum Einbau zeichnet des BMC (Bus Modification Center) in Plauen für die Umbauten verantwortlich. Alles wird feinsäuberlich dokumentiert und lässt sich später auch rückrüsten. Aber so weit möchte man angesichts der feinen Einrichtung gar nicht denken.

Das verglaste Panorama-Dach über dem Mittelgang des Vorderwagens steht, wie man sieht, dem Cityliner gut zu Gesicht – im Heck bleibt‘s beim konventionellen Plafond, hier sitzt ja das große Klimagerät auf dem Dach. Dafür leuchtet den Mitfahrern in der Lounge nachts ein Sternenhimmel heim.

Ja, dieser Cityliner mit „Neoplan Individual“-Signet macht Appetit auf eine Reise. Im Heck vielleicht noch mehr, wenn man angenehme Gesellschaft genießt – parliert, tafelt oder spielt. Da tritt das Verkehrsgeschehen völlig in den Hintergrund. Weiter vorn auf den regulären Sitzen mit reichlich Beinfreiheit wird es zwar leiser, das Reiseerlebnis ist hier eher profan.

Sehr bequeme Einstiege
Wir haben nochmal nachgesehen. Die letzte Cityliner-Testfahrt liegt sieben Jahre zurück, der City wurde noch in Deutschland gebaut. Die Geschichte ist hinlänglich bekannt, heute werden alle Konzern-Reisebusse, auch die Neoplan-Fahrzeuge, im türkischen MAN-Werk in Ankara gebaut.

Wer jetzt Qualitätsbedenken hegt, wird beim physischen Kontakt angenehm enttäuscht. Der Cityliner präsentiert sich mit sauberer Fertigung, vom Metallbau bis zur Verfugung. Auch im Innenraum herrscht hoher Automotive-Standard, der Begriff „Großraumlimousine“ ist nicht zu hoch gegriffen.

Und natürlich: Auch der Cityliner besitzt heute einen Notbremsassistenten, und einen GPS-Tempomaten, der hier Efficient Cruise heißt.

Manches blieb wie es war, wie die Einstiege, über die man unbedingt ein paar Zeilen verlieren muss. Der längere Vorbau (im Vergleich zum Tourliner) ermöglicht nämlich vorn eine sehr bequeme Stufenlandschaft mit hellem Empfangsbereich.

An der Mitteltür profitieren die Fahrgäste von der maßvollen Höhe des Mittelgangs – genauso stellen wir uns einen gelungenen Einstieg vor. Vielleicht mit einem Handlauf auch links, man befördert ja nicht nur flinke junge Fahrgäste. Aber die fahren natürlich auf die trendige LED-Innenbeleuchtung in Wunschfarben ab.

Um nicht gleich wieder bei den schicken Kundensonderwünschen hängen zu bleiben, werfen wir noch einen Blick auf das einst hochgelobte Cockpit. Dort hat sich seither nicht so viel getan.

Das Platzangebot für mittelgroße Fahrer ist ok, aber nicht mehr. Das nicht mehr ganz taufrische Funktionslenkrad steht relativ flach, aber sonst sehen wir am Arbeitsplatz keinen Makel.

Nach wie vor vorbildlich sind die Stau- und Ablagemöglichkeiten in und an der Mittelkonsole, der Fahrer weiß seinen Neoplan zu schätzen.

Auch wenn er noch mit einem suboptimalen Außenspiegel-Konzept leben muss – die nächste Generation (wenn es sie noch gibt) könnte bereits mit Displays an den A-Säulen aufwarten.

Gut, der dicke Querholm zwischen den Frontscheiben verdeckt die Sicht auf hoch hängende Ampeln – das ist nun mal ein Pferdefuß dieser Frontgestaltung.

Mag mancher die dunkle Tönung der oberen Frontscheibe monieren, dem Fahrer ist es gerade recht. Im Cityliner brennt ihm die Sonne noch sehr aufs Haupt, eine Schirmmütze oder Basecap wäre hier entbehrlich.

Künftig mit Traxon
Jetzt aber los, der Cityliner und sein Fahrer wollen endlich auf die Straße. Die Fahrerkarte gesteckt, die Spiegel und das Lenkrad passend eingestellt, dann den Getriebewählschalter auf „D“. Gleich macht sich der aufgefrischte D26-Sechszylinder gut, der satte 460 PS anzubieten hat.

Im Leerlauf läuft der großvolumige Reihensechser flüsterleise, ganz ohne Vibrationen. Auch dann ohne, wenn er gefordert ist: Gleich über Leerlaufdrehzahl legt er sich willig und souverän ins Zeug, mehr als mittleres Drehzahlniveau wird so gut wie nie verlangt. Auf der Autobahn sind es etwa 1.100 Umdrehungen, jetzt surft der Cityliner auf seiner Drehmomentwelle. Mit, wenn es darauf ankommt, 2.300 Nm bei konservativ geschätzten 14,5 t, lässt es sich prächtig reisen.

Nur das automatisierte Tipmatic-Getriebe (alias AS-Tronic) agiert etwas verhaltensauffällig. Es schaltet bei Leerfahrt mehr als verlangt, beim Nachrücken im Stau ruckelt es trotz Idle-Speed-Driving (mit Leerlaufdrehzahl und geschlossener Kupplung) – da kann der Fahrer machen, was er will. Beim Anbremsen an Ampeln wird Gang für Gang zurückgeschaltet, die hektische Schaltarbeit bringt unnötige Unruhe ins Fahrzeug. Künftige Interessenten müssen sich darum nicht mehr kümmern, die Ablösung mit neuen Traxon-Getrieben ist bereits im Gange.

Aber das hochwertige Cityliner-Fahrwerk ist immer noch bemerkenswert. Der Neoplan-Hochdecker läuft spurtreu geradeaus und ist flink genug auf kurvigen Landstraßen und im Stadtverkehr.

Er nimmt aber auch miese Fahrbahnen mit Contenance. Hier verarbeiten noch variable CDS-Dämpfer Kanaldeckel, Querfugen und Bodenwellen, MAN nennt das System Comfort Drive Suspension. Über den Komfort hinaus bietet das System zusätzliche Sicherheit, bei einer Vollbremsung beispielsweise, wo das Fahrzeug nicht mehr so tief eintaucht.

Oder bei starken Seitenwind auf der Autobahn, wir haben es selbst probiert: Auf „S“ wie Sport gestellt straffen sich die Stützkräfte der Dämpfer, der Cityliner fährt dann wie auf Schienen.

Stellt sich die Frage, ob es dabei bleibt. Mittlerweile werten die Fahrwerksentwickler die Tourliner- und Coach-Fahrwerke mit mechanisch-variablen PCV-Stoßdämpfer (ZF) auf. Ob die künftig auch im Cityliner ihren Dienst verrichten?

Bei allem Lob fürs omnibusfeine Fahrwerk: Unser Cityliner war nicht ganz klapperfrei, wir haben genau hingehört. Da ein Zirpen, ein Knarzen, mag manches den Um- und Einbauten geschuldet sein.

Aber wenn es um Premium-Qualität geht, wird nichts verziehen. Auch nicht, dass die Schwenkklappen der Kofferräume nur mäßig weit öffnen. Hier hat sich schon mancher verletzt. Der rechte Spiegel flattert im Wind – kein Problem mehr für den Nachfolger. Aber nach zwölf Jahren Bauzeit haben wir uns hier schon gewundert.

Unter dem Strich
Schön, dass es ihn noch gibt. Sonst müsste man ihn neu erfinden. Das Fahrzeugkonzept mit nur 3,68 m Höhe bietet viel Platz, eine prima Aerodynamik und noch immer einen tollen Auftritt.

Aber die nackten Achslast-Zahlen geben es preis. Der zwölf Jahre alte Cityliner verlangt – zumal als Zweiachser – nach einer Überarbeitung.

Er ist für höhere Gesamtgewichte noch nicht zulassungsfähig, in dieser Form hat er selbst gegen die hausinterne Konkurrenz keine reelle Chance.

Zu nahe sind sich Lion‘s Coach, Tourliner und Cityliner gekommen, das aufwändigste Fahrzeug im Portfolio braucht deshalb eine Neupositionierung.

Vielleicht mit einer geringfügigen Erhöhung der Cityliner-Modelle, neuen Achsen und Getrieben, das grundsätzliche Fahrzeugkonzept bitte nicht verändern. Der Cityliner war und ist das wichtigste Modell der Marke Neoplan. 

Technische Daten
Motor:

Reihensechszylinder MAN D2676LOH, stehend, vier Ventile pro Zylinder, Turbolader und Ladeluftkühlung, elektronische Common-Rail-Dieseleinspritzung, AGR plus SCR-Kat, DPF, Emissionsklasse Euro 6.
Hubraum 12.419 cm³
Nennleistung 338 kW/460 PS bei 1.800 U/min
Maximales Drehmoment 2.300 Nm bei 930–1.350 U/min

Kraftübertragung
Automatisierte Einscheiben-Trockenkupplung, automatisiertes OD-Schaltgetriebe MAN Tipmatic mit 12 Gängen, einfach übersetzte Hinterachse (i = 2,73).

Fahrwerk
vorne Einzelradaufhängung mit Mehrlenkerführung (MAN VOS-8-B 01), Stabilisator, max. Radeinschlag 56/50 Grad. hinten starre Antriebsachse (MAN HY-1350-B01), Führung an Längslenker und aufgelöstem Dreiecklenker, vier Luftbälge, vier Stoßdämpfer. Optional elektronisch geregeltes Dämpfersystem CDS (Comfort Drive Suspension). Bereifung 295/80 R 22,5.

Bremsanlage/Sicherheitssysteme
EBS-Druckluftbremsanlage, Scheibenbremsen, elektronischer Bremsassistent, elektronischer Höchstgeschwindigkeitsbegrenzer MSC, serienmäßig mit elektronischem Stabilitätsprogramm ESP, EBA-Notbremsassistent, ZF-Intarder mit Bremsomatfunktion, optional mit Abstandstempomat ACC (Adaptive Cruise Control), Spurwächter LGS (Lane Guard System), Müdigkeitswarner MAN Attention Guard.

Maße und Gewichte
Länge/Breite/Höhe 12.240/2.550/3.680 mm
Radstand 6.060 mm
Vorderer Überhang 2.920 mm
Hinterer Überhang 3.260 mm
Stehhöhe 2.066 mm
Wendekreis 21.154 mm
Kofferraumvolumenca. 9,4 m³
Tankvolumen 480 l
Zul.Gesamtgewicht 18.000 kg
Fahrgastkapazität/Sitzplätze 36 + 1 + 1

Wolfgang Tschakert

 

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