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15.03.2019

Der Dritte im Revier

Ein echter Hochdecker in der Midi-Klasse, jetzt lernen wir den Visigo näher kennen. Zudem will der kompakte Reisebus von Anadolu Isuzu mit neuem Antriebsstrang überzeugen. Wir gehen also mit neuer 320-PS-Maschine plus Ecolife-Getriebe auf Tour.

Bisher kannten wir ihn nur von Ausstellungen und Messen, so richtig angekommen auf dem deutschen Markt ist der Visigo bisher noch nicht. Das soll sich aber ändern, und zwar ziemlich zügig. Die Vertriebsverantwortlichen des türkischen Herstellers drehen an allen möglichen Stellschrauben, man denkt sogar über eine eigene Importgesellschaft für Deutschland nach. Bis hin zu einem soliden Ersatzteilwesen, das bereits in Arbeit sein soll. Die Strategen verweisen auf Frankreich, wo die Geschäfte für Anadolu Isuzu schon ziemlich gut laufen.

Ein Grund mehr, den Hersteller hier vorzustellen. Seit 1984 fertigt das Unternehmen Nutzfahrzeuge, das Joint Venture der türkischen Anadolu-Gruppe (55,4 Prozent) mit Isuzu Motors (17 Prozent) und Itöchu Shöji galt seinerzeit als erste türkisch-japanische Produktionsgesellschaft. Das erklärt auch den etwas umständlichen Hersteller-Namen, die Japaner beteiligen sich auch mit verschiedenen Lizenzen und Produktionszertifizierungen am operativen Geschäft. Seit 1987 werden Midibusse gebaut und seit 2003 auch in die Europäische Union exportiert. Anadolu Isuzu fertigt ab 1999 in einem neuen Werk in Kocaeli im Nordwesten der Türkei. Dort entstehen auf 300.000 m2 Produktionsfläche Pickups, LKW – und Omnibusse. Und wer es nicht ohnehin schon wusste: Der Anbieter verfügt über ein breites Omnibus-Produktportfolio – vom Midi bis zum Gelenkbus.

Knuffiges Design
So viel Zeit muss sein, man muss ja schließlich wissen, mit wem man es zu tun bekommt. Jetzt aber ruft der Visigo, der mit dunkler Metallic-Lackierung und schwarzgetönten bündigen Verglasung recht edel aussieht. Er konnte schon einige Design-Awards einheimsen, was nicht verwundert. Er sieht knuffig aus, mit einer Prise Sharp-Edge-Design um die Bugkanzel und Dachpartie. Zwei Streben, wie eine Spange, tragen den Plafond vorn wie einen Überrollbügel.

Die schwarze Blende im Bug verlängert die Frontscheibe optisch nach unten, nach oben gibt die dunkel getönte Verlängerung als Glasdach interessante Ansichten nach oben preis. Man kann es weiter nach hinten verlängern, nur mittschiffs die Position der Dachklimaanlage bleibt ausgespart. Ein Highlight in dieser Fahrzeugklasse, wo es sonst eher um schnöde Pflichterfüllung geht. Die stämmigen 19,5er-Räder in den Radhäusern stehen eher für dynamische Qualitäten, die unsere Testbegleiter schon vor dem Start preisgeben: Dieser Visigo ist mit der neuen 320 PS starken Maschine im Heck bestückt. Damit soll der Midi mühelos auch hochmotorisierten Kingsize-Kollegen folgen können.

Grundsätzlich soll der 9,66 m lange Reisemidi in der 10-mr-Klasse mitmischen. Hier hat sich vor allem der Wettbewerber von Temsa, der MD9-Midi, seinen Claim gesichert. Der Anbieter Otokar hat seine Stammbelegschaft in dieser Klasse – die Vectio-Typen – gerade durch den neuen Ulyso ausgetauscht. Keine leichte Aufgabe für einen Newcomer, doch bei Anadolu Isuzu ist man sich sicher, die richtigen Rezepte zu haben. Zum einen verschiedene Ausstattungspakete, vom profanen 37-Sitzer bis zum Edel-Visigo mit 2+1-Bestuhlung. Mit dem haben wir es zu tun, wir steigen ein und sehen uns um.

Vor allem vorn kneift der Einstieg in der Breite, dort wo die Stufe auf Mittelgangniveau führt, verengt die Mittelkonsole des Cockpits den Gang. Auf den ebenmäßigen Stufen im Heck bleibt auch nicht üppig Platz, der Aufstieg ist sehr gut mit Handläufen gesichert. Der Innenraum ist freundlich, die schwarz belederten und blau akzentuierten Sitze sehen nicht nur appetitlich aus.
Der Komfort des Visigo ist ausgezeichnet, und Doppelsitze mit Mittelarmlehnen würden wir uns öfter wünschen. Der ebene Boden ohne Stolperfallen – wie übrigens auch bei der Konkurrenz – vermittelt Großzügigkeit, der Zugang zur Hecktoilette lässt sich auch von älteren Fahrgästen gefahrlos meistern. Nicht unbedingt die Hecksitzreihe auf dem Podest, das zwei Stufen erfordert. Hier muss das Fahrpersonal darauf achten, dass sich die Fahrgäste unbedingt anschnallen – sonst droht bei einer Notbremsung ein Abflug erster Klasse.

Stimmige Gewichtsbilanz
Nach dem Tanken auf die Waage, der Visigo leistet sich trotz Vollausstattung mit knapp 10 t Leergewicht keinen Patzer. Er darf bis zu 13.500 Kilo wiegen, die Gewichtsbilanz stimmt auch mit voller Bestuhlung. Erst mal Platz nehmen hinter dem Steuer, man sitzt hier hinter einem wuchtigen Armaturenträger und relativ weit links an der Seitenwand. So erreicht man die Verstellklaviatur für den Fahrersitz (von Grammer) nur schlecht, auch das schlichte Plastiklenkrad lässt sich für große Fahrernaturen nicht hoch genug stellen. Die Rundumsicht passt soweit, moniert werden muss, dass sich die Spiegel mit den langen Armen für die Waschanlage nicht anklappen lassen.

Mit dem ersten Schlüsseldreh erwacht das starke Cummins-Herz im Heck, es lässt sich voller Vorfreude auf die Ausfahrt schon im Leerlauf vernehmen. Die neue 320-PS-Maschine wird immer mit einer Ecolife-Automatik kombiniert, die erfahrungsgemäß auch mit kleinvolumigen Dieseltriebwerken recht gut zusammenwirkt. Die ZF-Getriebeentwickler installieren für ihr Sechsgangautomatik zwei Schaltprogramme – Eco und Power. Klar, dass wir zuerst in „Eco“ fahren. Aber so hehr das Verbrauchsziel, so zäh fährt der Visigo.

Keine Spur von 320 PS, selbst bei fast leerem Fahrzeug fehlt der Antritt und der Durchzug. Die Anfahrschwäche ist eklatant, so lässt sich die vermeintlich stärkere Maschine nicht verkaufen. Erst mit dem Wechsel in den „Power“-Modus ändert sich die Wahrnehmung. Jetzt gesteht das Getriebe dem 6,7-l-Diesel höhere Drehzahlen zu, er ist ja schließlich kein Drehmomentriese. Maximal 1.200 Nm bei 1.400 Touren, bei Tempo 100 kurbelt der Cummins-Reihensechser mit 1.500 Touren. Und bei 80 km/h mit 1.250 Umdrehungen im 6. Gang, auf hügeligen Landstraßen muss es öfter der 5. Gang sein.

Die Illusion, mit einem souveränen Antriebsstrang unterwegs zu sein, kommt jedenfalls nicht auf. In dieser Situation geht uns ein Gespräch mit Otokar-Verkäufern zuletzt auf der IAA durch den Kopf. Auch sie bieten den 320-PS-Cummins plus Ecolife für ihren Ulyso T an. Doch der neue Antrieb lief nicht zufriedenstellend und musste sich noch eine Feinabstimmung gefallen lassen. Bei der Gelegenheit sollten die Techniker die Tempomat-Funktion neu justieren. Denn fährt man mit Geschwindigkeitsmanagement, ist der Retarder inaktiv. Überdies lässt sich der Tempomat nur bis 95 km/h aktivieren.

Technische Daten

Motor:
Reihensechszylinder Cummins ISB6,7E6320B, stehend im Heck, vier Ventile pro Zylinder, Common-Rail-Einspritzsystem, Turbolader und Ladeluftkühlung, Abgasgrenzwerte nach Euro 6 mit Abgasrückführung, SCR-Abgasnachbehandlung und Partikelfilter.
Hubraum 6.700 cm³
Nennleistung 239 kW/320 PS bei 2.300/min
Max. Drehmoment 1.200 Nm bei 1.400/min

Kraftübertragung:
Sechsgang-Getriebeautomat Typ ZF Ecolife 6 AP 1200 mit integriertem Retarder; Übersetzungen 3,36 bis 0,62, Rückwärtsgang 9,84

Fahrwerk, Lenkung, Bremsen
Vorderachse mit Einzelradaufhängung, 2-Balg-Luftfederung; starre Hinterachse mit 4-Balg-Luftfederung. Bereifung 265/70 R 19,5

Hydraulische Servolenkung
EBS-Druckluft-Bremssystem EBS inklusive ABS und ASR, Scheibenbremsen an beiden Achsen, Dauerbremse hydraulischer Primärretarder plus Motorbremse; ESP, Spurwächter, Notbremsassistent Serie.

Maße und Gewichte:
Länge x Breite x Höhe mm (mit Klimaanlage) 9.600 x 2.454 x 3.368
Radstand 4.660 mm
Überhang vorn/hinten 1.890/3.010 mm
Wendekreis 14.200 mm
Innenraumhöhe 1.950 mm
Kofferraum 5,5 m³
Kraftstofftank 250 Liter
Adbluetank 19 l
Zul. Achslasten VA/HA 4.500/9.000 kg
Leergewicht 9.950 kg
Zul. Gesamtgewicht 13.500 kg
Kapazität max. 39 + 1 + 1, im Test 24 + 1 + 1

Sicherheit und Komfort
Auch mit den Visigo-Fahreigenschaften sind wir nicht vollends glücklich. Auch wenn die Techniker in Kocaeli gewiss kein Simpelfahrwerk installiert haben. Als Vorderachse kommt eine Doppelquerlenker-Konstruktion der Bauart T-Joint zum Einsatz, die scheinbar mit der Lenkung keine überzeugende Liaison eingeht. Der Visigo lenkt sich leicht, fast zu leicht, uns fehlt zum Optimum das letzte Quäntchen Präzision, die auch dem Geradeauslauf zugute käme. Und die Rückstellkräfte fehlen fast völlig, in engen Kurven kurbelt man heftig zurück. Insgesamt attestieren wir dem Midi ein leicht hecklastiges Fahrverhalten, wie man es früher oft von Fahrzeugen mit kurzen Radständen kannte.

In Sachen Federungskomfort fällt der Visigo nicht aus der Rolle. Er federt etwas spröde an, steckt aber fiese Buckel und Querschläger ordentlich weg. Er nickt auch kaum, verneigt sich aber deutlich in schnellen Kurven.


Allerdings monieren wir die Geräuschkulisse, die der Visigo bei voller Fahrt entfacht. Der Cummins-Reihensechser ist ja eher als Raubein bekannt, er macht in diesem Midi seinem Ruf alle Ehre. Wird er gefordert, tönt und dröhnt er vor Lust und vor allem im Heck. Dass sich dieser Malus mit ein paar Dämmmatten erledigen lässt, halten wir für ein Gerücht. Auch die Safkar-Klimaanlage hat uns nicht restlos überzeugt. Im Heck ist es stickig, obwohl das Fahrzeug nur mit fünf Personen besetzt ist. Wir sind uns aber da nicht sicher: Vielleicht liegt es ja nur an einer korrekten Einstellung.

Zu den Bremsen haben wir bislang kein Wort verloren – vielleicht weil sie unauffällig gut funktionieren. Bis auf das Pedal – wie erwartet stehend und nicht sonderlich gut zu bedienen. Die Scheibenbremsen an beiden Achsen, auch Dauerbremse ist stark genug, nur eben nicht im Tempomat-Betrieb. Und der Schleuderschutz ESP ist jetzt obligatorisch, auch der Notbremsassistent AEBS und der Spurwächter. 

Wolfgang Tschakert

 

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