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15.01.2018

Fit für neue Jobs

Trendige 13 Meter auf zwei Achsen bekommt man auch bei Temsa. Sogar besonders günstig kalkuliert, der HD-13-Hochdecker zielt direkt aufs Fernliniengeschäft. Die erste Kostprobe verlief jedenfalls vielversprechend.

Wenn es aktuell einen Trend in der Reisebus-Szene gibt, dann den zu 13-m-Zweiachsern. Schließlich dürfen die jetzt auch mit bis zu 19,5 t Gesamtgewicht durch Deutschland und Europa rollen. Aber mit einer Einschränkung: Höhere zulässige Achslasten für Schwerfahrzeuge als bisher werden nicht gestattet. Vor und auf der Busworld in Kortrijk gab’s ja etliche Neuheiten zu sehen, beispielsweise den neuen Lion’s Coach von MAN und den neuen Tourismo von Mercedes, beide im topaktuellen 13-m-Format. Bei Temsa gibt es solche Fahrzeuge schon länger, allerdings war der HD 13 hierzulande für eine Drei-Sterne-Bestuhlung noch zu schwer.

Heute mit möglichen 19 Tonnen gilt das nicht mehr. Unser Proband bringt 13.760 Kilo auf die Waage, mit 49 Sitzen und 580 Liter Diesel im Tank. Und mit vollwertigem Reserverad im Bug – das führt heute nicht jeder Kontrahent mit – nein, zu den Schwergewichten des Marktes zählt der lange Temsa-Hochdecker gewiss nicht. Obwohl er jetzt nicht mehr von einer Edelstahl-Struktur profitiert, das Stahl-Gerippe wird mit einer Tauchgrundierung korrosionsfest gemacht. Bis zu 55 Sitzplätze wären schon möglich und ganz nach dem Geschmack der Fernbusunternehmen. So gilt die Aufnahme in die Referenzliste bei Flixbus als Ziel. Die deutsche Temsa-Tochter hat nicht zuletzt dafür investiert. Das zentrale Ersatzteillager der Marke wurde von Österreich nach Deutschland verlegt, die Erweiterung der Aktivitäten zog einen Umzug in größere Räumlichkeiten nach sich.

Maßvolle 3,70 Meter Höhe
Auch an die HD-12- und HD-13-Typen hat Temsa nochmal Hand angelegt. So richtig neu sieht er auch nach seiner jüngsten Modellpflege nicht aus. Er ist kein Beau, aber auch kein Blender. Doch mit dem jüngsten Facelift gewinnt der HD an Gestalt. Die seitliche Dachverkleidung verbirgt Klimaanlage und Dachluken, sie strafft die Seiten. Die ansteigende Zierleiste, der einzige Schmuck der langen Seiten, kaschiert den Fensteransatz ganz ohne Spaltmaß-Diskussion. So ganz penibel muss man da nicht sein, auch wenn es um die Lackierung geht. Über einen Premium-Anspruch redet hier niemand, der Temsa will ja auch nur ein Nutzfahrzeug sein. Die glatten Flächen sind jedenfalls waschmaschinentauglich, die Mekra-Spiegel lassen sich anklappen.

Ein paar kleine Anleihen beim Wettbewerb können die Temsa-Designer schlecht verleugnen. Die Scheinwerfer im Bug erinnern an den Travego, aber der wird ja bald nicht mehr gebaut. Auch von hinten ein Hauch Mercedes, bei der Form des Heckfensters und bei Lüftungsgittern in der Motorklappe – vielleicht ist es ja als Kompliment für den Weltmarktführer zu verstehen.

So wie der Temsa hier vorfährt, lässt sich jede Langstrecke meistern. Schon mal der 1a-Sitzabstand, und die Agile-Sitze von Inova fallen bequemer aus, als sie aussehen. Endlich mal längere Rückenlehnen, großgewachse Fahrgäste dürfen sich freuen. Nur mit der Farbwahl offenbart der schlichte Temsa kein glückliches Händchen. Vielleicht bietet das Sortiment auch ansprechendere Arrangements, dieser Vorführhochdecker pflegt ein altbackenes Ambiente. Und hier geht es nicht um Geschmacksfragen: Die Toilette ist viel zu klein, man stolpert tief nach unten. Viel besser dagegen, wir haben nachgemessen: 43 cm Innengangbreite, das ist schon üppig und zeugt von gekonnter Raumökonomie. Die wenige Zentimeter hohen Podeste für die Sitze bilden einen gelungenen Kompromiss zwischen ausreichender Stehhöhe, Kofferraum und Gesamthöhe. So bleibt der HD mit nicht mal 3,70 m maßvoll in der Höhe, so passiert er trotz Dachklimagerät manche Unterführung, die anderen verwehrt bleiben. Aber der Türausschnitt des Mitteleinstiegs, jetzt schön ins Gesamtbild integriert, ist ein wenig niedrig geraten.

Jetzt dürfen auch die Temsa-Piloten aufatmen, wir haben hier schon vielfach kritisiert. Im neuen Cockpit lässt sich der Fahrersitz weit nach hinten stellen, hier finden auch Langbeiner Platz genug. Die Pedale, obwohl noch nicht optimal, gehen jetzt besser zum Fuß. Das Gaspedal, hängend ausgeführt, stehend für die Bremse, nicht mehr so steil wie vorher, kennen wir so auch aus dem niederländischen Futura. Die Schaltarbeit übernimmt ein AS-Tronic-Getriebe, die Bedienung mit einem Joystick auf dem Schaltbock ist schon ein wenig von gestern. Aber weder über den Armaturenträger noch über die Instrumente und die Bediengeräte muss man meckern. Auch die Übersicht nach vorn und zur Seite verdient gute Noten. Schön wär’s, wenn sich das Lenkrad etwas mehr neigen ließe – vielleicht ist dies auch nur die Vorliebe des Testers. Definitiv schlechter sitzt der Beifahrer, der Guide oder Reiseleiter – nämlich ziemlich steil, mit wenig Platz für die Beine. Damit ist unser Temsa-Proband auch nicht allein, die stiefmütterliche Sitzgelegenheit rechts im Bug findet man auch bei exklusiveren Fahrzeugen. Das muss sich schleunigst ändern, gerade wenn man an den Fernbusbetrieb denkt: Wenn der zweite Fahrer, und der ist Pflicht auf Übernachtlinien, ans Lenkrad muss, ist er bereits gerädert.

Bald mit 450 PS
Jetzt aber genug der Kritik, im Fahrbetrieb auf der Straße ist die Welt in Ordnung. Der Temsa lässt sofort erkennen, dass er zur fahraktiven Gilde gehört. Sein MX11-Motor von DAF, mit 435 PS und 2.100 Nm zwar nicht der stärkste, reagiert feinnervig auf die Fahrbefehle. Hier darf ein Hinweis auf die künftige Motorisierung nicht fehlen: Der bevorzugte Motorenlieferant des Hauses hat seine modernen MX11-Sechszylinder überarbeitet und stockt bei der Leistung auf. Aus 435 PS werden 450, der nur 10,8 Liter große Vierventilsechszylinder wuchtet dann bis zu 2.300 Nm auf die Kurbelwelle. Wie gehabt die präzise Lenkung, ein 8098-Aggregat aus türkischer Fertigung, sie lässt sich mit leichter Hand bedienen. Eigentlich fehlt nur ein schmiegsames Lederlenkrad für den Buspiloten – bei einem solchen Gesamtpreis fast ein lächerlicher Aufpreis, darauf sollten die Temsa-Verkaufsstrategen unbedingt achten.

Der Hochdecker beschleunigt ordentlich, wenngleich nicht stürmisch, wir haben ja nur den leeren Omnibus bewegt. An dieser Stelle gleich ein Kompliment: Laufkultur hat der hochmoderne MX11-Reihensechszylinder, der bleibt auch unter Volllast und selbst im Heck dezent. Obwohl die Gesamtübersetzung etwas kurz ausfällt, bei Tempo 100 kurbelt der Sechszylinder fast 1.300-mal in der Minuten. Nur die werksseitige Reifenausstattung trübt die bemerkenswerte Akustik, die türkischen Bridgestone-Pneus heulen, sobald sie warm werden.

Getriebeseitig bietet der Temsa das bewährte Menü. Das AS-Tronic-Getriebe schwingt wie gewohnt den Taktstock. Stets niedrigen Drehzahlen verpflichtet, mit eher komfortablen als schnellen Schaltungen, so lässt sich Kraftstoff sparen. Hier drängt sich die Frage auf: Wie lange noch? Denn das neue Traxon-Getriebe versteht sich bereits ausgezeichnet mit den DAF-Motoren, mancher Wettbewerber setzt bereits auf die neue Getriebegeneration von ZF.

Seine wohl beste Seite zeigt der lange Temsa mit seinen ausgewogenen Fahreigenschaften. Mit einem fast 7 m langen Radstand läuft er konzeptbedingt sicher geradeaus. Auf engen Kurven sollte man etwas Vorsicht walten lassen. Die Untersteuerneigung hält sich in Grenzen, das ZF-Fahrwerk mit Stabilisator an der Hinterachse lenkt willig ein und federt eher sanft als sportlich. Dennoch sind ambitionierte Fahrer dann gern schneller unterwegs, als es den Fahrgästen guttut. Nur wenn es zu viel wird – man muss es schon mutwillig übertreiben –, greift die ESP-Stabilisierung ein. Zuerst zurückhaltend mit Rücknahme des Drehmoments und erst spät mit Bremseingriff, so wie es sein soll. Auch die vorgeschriebenen Notbremsassistenten und Spurwächter sind an Bord, sie versehen unauffällig, aber wirksam ihren Dienst.

Unter dem Strich
Wer einen unkapriziösen Reisebus sucht, sollte sich mal den Temsa-Verkäufer einbestellen. Der Temsa HD 13 sieht zwar nicht mehr taufrisch aus, doch man bekommt ein Fahrzeug, das mehr kann, als es verspricht. Ein grundsolides Arbeitspferd im Fuhrpark, für nichts und niemanden zu schade. Mit seinen Fahreigenschaften spielt der Temsa in der ersten Liga, auch der Antrieb ist fit für die ganz langen Distanzen. Wie fast immer schwimmen ein paar Haare in der Suppe: Die zu kleine Toilette und der unbequeme Beifahrersitz, da sollte es bessere Lösungen geben. Auf die neuen Antriebsaggregate darf man sich, soweit wir sie kennen, schon mal freuen.

Wolfgang Tschakert

 

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