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14.12.2018

Kleinbus mit BMW-Genen

Er rollt flüsterleise über den Asphalt, doch das ist nur ein Teil seiner Talente. Der nur sechs Meter lange Jest Electric bietet Platz für bis zu 26 Personen und guten ÖPNV-Komfort. Dort, wo sonst ein Diesel rumort, sitzt der elektrische Antrieb powered by BMW.

Schon der Ort des ersten Auftritts verrät die Mittäterschaft des Münchner Automobilkonzerns. Denn so einfach kommt BMW kein Nutzfahrzeughersteller auf den Hof – um präzise zu sein, aufs Gelände der BMW Driving Academy im oberbayerischen Fürstenfeldbruck. Dort präsentierte der türkische Fahrzeughersteller Karsan seine neueste Kreation: Den Jest Electric, einen Kleinbus im gängigen Sprinter-Format, der mit seinem Elektroantrieb ziemlich gut in die Zeit passt.

Und die Marke „powered by BMW“ adelt den Kleinbus natürlich, mit dem Karsan auf den europäischen ÖPNV-Markt zielt.


Vertriebspartner Bozonkaya
Vielleicht zuerst ein paar Zeilen zum Hersteller Karsan, den einschlägige Experten schon seit einigen Jahren auf dem Zettel haben. Das Unternehmen wurde 1966 als Automotive-Hersteller gegründet, als Zulieferer produzierte Karsan über 15 Jahre Ausstattungen und Teile für große Fahrzeughersteller. Dann ab 1981 liefen im Karsan-Werk bei Bursa komplette Peugeot-Transporter vom Band, ab 2006 auch richtige Kleinbusse für den türkischen Markt.


Seit 2011 bauen die Türken das eigene Bus-Produktportfolio, dazu den Transporter H350 für Hyundai, große Stadtbusse für Menarinibus (Italien) und Elektrobus-Aufbauten für Bozonkaya (Sileo). Karsan präsentiert sich heute als Vollsortimenter – wenngleich der Angriff auf den deutschsprachigen Märkten bislang noch ausblieb. Der soll übrigens jetzt mit Hilfe des deutsch-türkischen Kooperationspartners Bozonkaya gelingen.


Jetzt mit dem Jest Electric als Türöffner soll es losgehen. Der kleine Citybus Jest ist, wenn man so will, ja ein guter Bekannter. Früher mit FPT-Diesel hatte allerdings kein Hahn nach ihm gekräht, wenigstens nicht hierzulande. Dabei gibt es in seinem Format, wenn man es richtig sieht, kaum einen ernstzunehmenden Wettbewerber. So besitzt er einen besonders bequemen Einstieg, nur 27 Zentimeter bis in den Innenraum. Die breite Schwenkschiebetür öffnet weit, die Stehfläche gleich dahinter fasst je nach Bestuhlung gut und gern 17 Fahrgäste.


Nach hinten zu den Fahrgastsitzen im muss man zwei Stufen besteigen, was ein wenig verwundert. Denn der Jest ist ein Fronttriebler und böte dem Hersteller freie Hand, wie er sein Fahrzeug hinter dem Triebkopf gestaltet. Die Erklärung dazu: Im Heck sitzen die Batteriepakete, die aber nur von unten zugänglich sind. Die Frage nach der Nutzlast offenbart keinen Schwachpunkt: Der kleine E-Bus wiegt mit kleiner Batteriebestückung 3.300 kg, voll besetzt darf er fünf Tonnen wiegen. Wie die großen Omnibusse trägt er unter dem Karosseriekleid einen Gitterrohrrahmen, der Rohbau wird im KTL-Verfahren tauchgrundiert.

Technische Daten

Antrieb
Elektrischer BMW-Traktionsmotor mit einstufiger Übersetzung
Max. Leistung: 125 kW/170 PS
Max. Drehmoment:290 Nm
Vmax: 70 km/h

Batteriesysteme
Lithium-Ionen-Batterien mit 360 V Spannung, wahlweise 33, 44 , 66 oder 88 kW/h Kapazität, bis zu 210 km Reichweite möglich. Lademöglichkeiten AC mit 7,4 kW, DC mit 50 kW

Aufbau
Integralaufbau mit Niederflur-Zone, Space Frame, KTL-Korrosionsschutz, Niederflureinstieg
ul. Achslast 6,3 t. Bereifung 275/70 R 22,5

Fahrwerk
Angetriebene Mc-Pherson-Vorderachse mit Einzelradführung, gezogene Hinterachse mit Einzelradführung an Schräglenkern und Federbeinen, Stabilisator. Bereifung: 215/75 R 16 C

Maße und Gewichte
Länge/Breite/Höhe 5.845 x 2.055 x 2.800 mm
Radstand 3.750 mm
Innenraumhöhe min./max.: 1.945/2.185 mm
Überhänge vorn/hinten: 1.200/895 mm
Leergewicht 3.300 kg
Zul. Gesamtgewicht: 5.000 kg
Max. Beförderungskapazität: 9 Sitz- und 17 Stehplätze

Flüsterleise und ziemlich flott
Bei den Fahrgästen sammelt der Elektro-Jest sofort Sympathiepunkte, er fährt flüsterleise an der Haltestelle vor und belästigt seine Mitfahrer auch nicht im Innenraum mit Störgeräuschen. Und weil das wohlkomponierte Fahrwerk mit einzeln geführten und gefederten Rädern fast limousinenfein abrollt, reicht es keine groben Fahrbahnverwerfungen nach innen. Nur der Fahrer könnte das Wohlgefühl stören: Wenn er zu ungestüm beschleunigt, dazu ist der 125 kW starke Elektroantrieb mit seinen 290 Newtonmetern Drehmoment aus dem Stand durchaus fähig. Mit einer Taste kann man die Leistung begrenzen, auch die Höchstgeschwindigkeit von 70 auf 50 km/h limitieren.

Die Gretchen-Frage nach der Reichweite kann wird vom Instruktor mit „bis zu 210 Kilometer“ beantwortet. Der Jest Electric kann mit wahlweise 33, 44, 66 und 88 kW/h Kapazität bestückt werden, modulare Batteriepakete, die an einer Schnellladestation in 40 Minuten wieder voll einsatzfähig sind. Natürlich rekuperiert der Jest-Antrieb beim Verzögern, bis zu 25 Prozent soll der Bremsstrom die Batterien nachladen.

Nur mit dem Fahrerplatz konnten wir uns nicht so recht anfreunden. Der Einstieg über die Fahrertür ist mühsam, ebenso der Durchstieg aus dem Fahrgastraum. Mit dem Kopf nahe der Dachkante haben es große Chauffeure nicht leicht, die passende Sitzposition zu finden.
Es wäre ja eigentlich noch genügend Zeit, ein paar Zentimeter da und dort für den Fahrer zu finden. Die gezeigten Fahrzeuge stammen noch aus der Vorserienproduktion. Erst im nächsten Jahr – also 2019 – soll es losgehen, die Verantwortlichen von Karsan sprechen von vorerst 200 Einheiten jährlich. Und wie viele für Deutschland? Schau’n mehr mal.

„30 bis 50 Jest Electric“, schätzt der Karsan-CEO Okan Bas als durchaus realistisch, der elektrische City-Kleinbus hat so schnell keine Wettbewerber zu fürchten.

Wolfgang Tschakert

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