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15.01.2019

Unter Palmen, über Grenzen

Keine leichte Aufgabe für den neuen Safety Coach: Wir fahren durch vier Länder, die nicht jeder auf dem Zettel hat: von Kroatien nach Griechenland und viele Kilometer quer durch Albanien. Der sichere Tourismo hat sich dabei bewährt, mit nur leichten Blessuren.

Diesmal soll es besonders knifflig werden. Denn schließlich dürfen wir ein besonderes Fahrzeug testen. Nein, keinen Superhoch- oder gar Doppeldecker. Aber einen schicken neuen Tourismo, den die Daimler-Strategen zur IAA mit dem Prädikat „Safety Coach“ geadelt haben. Ein Typ, der auch wieder das Zeug zum meistverkauften Reisebus Europas haben sollte. Um zu sehen, was er taugt, muss er auf die Langstrecke. Denn nur dort zeigt sich die Wahrheit.

Leider hat es zu Beginn es ein wenig gehakt. Bei der Ankunft in Dubrovnik fehlt der Koffer – ist ja toll! Aber bei Flügen durchaus realitätsnah, und weil es schon am nächsten Morgen Richtung Montenegro gehen soll, ist noch eine schnelle Einkaufsrunde angesagt: etwas Wäsche und alles, was man so braucht unterwegs, im spätherbstlichen Dubrovnik aber kein Problem. Die Verspätung wollen wir mit einer flotten Gangart aufholen, unsere gute Laune ist ungebrochen. Dann mal los, und schon in der Ein- und Ausfahrt des Hotels macht sich der lange Radstand des 13-m-Zweiachsers bemerkbar – mit einem 12-m-Format würden diese Radien auf einen Rutsch klappen.

Safety first
Unser Proband ist der neue Tourismo, für uns kein Unbekannter mit 13 m Länge auf zwei Achsen. Weil er ja nun alle verfügbaren Sicherheitssysteme bekommt, darf er sich jetzt auch Safety Coach nennen. Vom Front Collision Guard bis zum ABA-4-Notbremsassistenten, mit dem Abstandsregeltempomaten und einem Spurassistenten. Obendrauf kann der Tourismo mit dem neuen Sideguard-Assist bestückt werden, der beim Rechtsabbiegen vor drohenden Kollisionen warnt. Den gibt es natürlich auch für die Geschwistermarke Setra, aber nur beim Hersteller Daimler.

Unser ambitioniertes Ziel heißt Thessaloniki, die Besatzung des Safety Coach trifft sich in Dubrovnik. Bis dorthin haben ihn Überführungsfahrer chauffiert, unter Palmen lösen wir sie jetzt ab. Vor uns liegen rund 1.000 Kilometer, die über weitgehend unbekannte Straßen führen. Drei Grenzen gilt es zu queren, die aber laut der Internetseite des Auswärtigen Amtes keiner besonderen Vorkehrungen bedürfen. Zuerst rollen wir die Küstenstraße Richtung Osten, auf jede Kurve folgt die nächste, es geht nicht wirklich flott voran. Aber bei der vielen Kurbelei denkt sich der Tourismo-Chauffeur insgeheim: Die Lenkung könnte etwas mehr Servounterstützung vertragen. Die steten Tempowechsel an den zahlreichen Ortsein- und –ausfahrten offenbaren, dass der Tourismo aus niedrigen Drehzahlen eher unwillig zur Sache geht.

Aber nur im Auto-Modus der Powershift-Schaltung, hilft man ihm mit einem Kickdown auf die Sprünge, steigert sich die Freude am Fahren. Tempomatfahren ist kaum gefragt, zu oft ändern sich die Verkehrsverhältnisse. Der Spurassistent wird schon nach wenigen Metern deaktiviert, auf Straßen wie diesen nervt er ohnehin nur. Es dauert auch nicht so lange, dann stehen wir an der montenegrinischen Grenze. Die beiden Grenzposten sind nach mehr als einer Stunde bewältigt. Zuerst kontrollieren die kroatischen Grenzer Fahrzeug und Papiere, dann wollen auch die Montenegriner alles sehen. Im Reisebus vor uns muss schön nacheinander jeder Fahrgast aussteigen. Dann wird der Kofferraum inspiziert. Und man fragt sich unwillkürlich, was den Ländern die Kleinstaaterei bringen soll.

 

Technische Daten

Motor:
MB-Reihensechszylinder Typ OM 470, stehend im Heck, zwei obenliegende Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder; Common-Rail-Hochdruckeinspritzung, Turbolader und Ladeluftkühlung, Abgasgrenzwerte nach Euro 6C mit AGR, SCR-Kat und DPF.Hubraum 10.700 cm³
Leistung 335 kW/456 PS bei 1.600/min
Maximales Drehmoment2.200 Nm bei 1.100/min

Kraftübertragung
Einscheiben-Trockenkupplung, Zweimassenschwungrad, automatisiertes 8-Gang-Schaltgetriebe GO 250-8 Powershift, Übersetzungen 6,57–0,0,63, einfach übersetzte Hypoidachse, Achsübersetzung i = 3,583.

Fahrwerk
Luftfederanlage mit elektronischer Fahrwerkregulierung vorne Einzelradaufhängung ZF RL 75 E an Doppelquerlenkern und zwei Luftbälgen, zwei Stoßdämpfern, Stabilisator, zul. Achslast 7,5 t; hinten starre Antriebsachse MB RO440, vier Luftbälge, vier Stoßdämpfer, Stabilisator; zul. Achslast 11,5 t; Reifen 295/80 R 22,5.

Bremsanlage/Sicherheitssysteme
Elektronisch geregelte Zweikreis-Druckluftbremsanlage (EBS), Systemdruck 10 bar, an allen Achsen Scheibenbremsen, Dauerbremse Sekundär-Wasserretarder, ABS und ASR integriert; Serienausstattung mit ESP (Elektronisches Stabilitätsprogramm), Bremsassistent, Notbremsassistent ABA4, SPA, ART mit Stop-and-go-Funktion, DBL, Sideguard-Assist.

Lenkung
Bosch-Kugelmutterlenkung Typ 8098, Übersetzung variabel 17,0–20,0:1, pneumatische Lenkradverstellung in Höhe und Neigung.

Heizung, Lüftung, Klimaanlage
Aufdachklimaanlage Evo Cool Comfort plus mit Heizfunktion, max. Kälteleistung 39 kW separate Frontbox mit 8 kW. Automatische Belüftung. Konvektorenheizung plus Spheros-Zusatzheizung.

Maße und Gewichte
Länge/Breite/Höhe 13.115/2.550/3.680 mm
Radstand 6.910 mm
Vorderer/hinterer Überhang 2.890/3.315 mm
Wendekreis 23.370 mm
Stehhöhe Mittelgang 2.014 mm
Kofferraumvolumen 10,9 m³ (mit Toilette)
Kraftstofftank 480 l
Adblue-Behälter40 l
Leergewicht lt. Hersteller 13.863 kg inkl. Rollstuhllift
Zulässiges Gesamtgewicht19.000 kg
Testgewicht 18.780 kg

Fahrgastkapazität
Sitzplätze 48 + 1 + 1

Preis
Testwagen 300.000,00 Euro

Gebläserauschen im Gebälk
Im Zuge der Zwangspause an der Grenze (und stehender Maschine) hat sich der Safety Coach mächtig aufgeheizt, jetzt donnert und faucht die Klimaanlage. Sie benötigt auch nicht lange, bis sich wieder bekömmliche 22 Grad einstellen. Die Spheros-Anlage liefert bis zu 39 kW Kälteleistung, Damit käme man auch im heißen Afrika klar. Nur am Fahrerplatz ist es ein wenig wärmer, am Nachmittag wird es hinter der großen Frontscheibe kühler und erträglicher. Sobald wir die Küstenstraße verlassen, lässt uns das teure bordeigene Navigationsgerät im Stich. Im Hinterland von Montenegro rechnet es lang und leitet auch gern in die Irre, wir ziehen Google Maps und das Smartphone zu Rate. Unglaublich, wo wir jetzt fahren. Auf engen und extrem kurvigen Schmugglerpfaden geht es bergauf und bergab, manchmal wird es haarsträubend eng. Hier kommt der neue Tourismo seinem Fahrer mit präzisem Fahrwerk und flinkem Handling sehr entgegen. Aber die Fahrgäste müssen schon mal einige Rempler wegstecken, der Mercedes-Reisebus ist keine Sänfte.

Ob wir hier noch auf dem richtigen Kurs sind? Dass es sich um eine Transferroute handeln muss, sehen wir an dem zunehmendem Abfall am Straßenrand und auch an den vielen Verkaufsständen. Dann urplötzlich verbreitert sich die Fahrbahn, schon kündigt sich die Grenze nach Albanien an. Wir rollen mit Spannung an die gemeinsame montenegrinisch-albanische Grenze. Der albanische Beamte, der uns hier kontrolliert, moniert unsere Fotoaktivitäten, macht aber deshalb keinen Ärger. In zehn Minuten statt der prognostizierten zwei Stunden sind wir durch.

Wildost auf Albaniens Straßen
Zu unserer Überraschung bessert sich die Qualität der Straßen. Aber nicht die Verkehrsdisziplin: Ein erster Höhepunkt ist der Zementsilo-Lastzug, der trotz Überholverbot und vorgeschriebenen 50 km/h mit Tempo 90 an uns vorbeizieht. Wir sind also gewarnt. Eine Stunde später sehen wir den Laster an einer Polizeikontrolle – wer sich an die Limits hält, ist manchmal schneller – auch in Albanien. Die albanische Hauptstadt Tirana empfängt uns merkwürdig dunkel, in den Außenbezirken brennt keine Straßenbeleuchtung. Richtung Zentrum wird es dann hell, und jetzt erwischt es uns doch. Beinahe mitternächtlich schießt ein Kleinwagen bei Rot über die Kreuzung und von rechts auf unsere Spur. Natürlich auch viel zu schnell. Schon knallt es rechts vorn, zum Glück bleibt es bei überschaubaren Sachschäden. Trotz der vielen Sicherheitssysteme – jetzt hilft nur ein guter Versicherungsschutz. Denn die herbeigeeilte Polizei rät, weil aussichtslos, zu einer einvernehmlichen Lösung: Jeder zahlt seinen Schaden selbst.

Nach einer kurzen Sightseeing-Tour durch Tirana am nächsten Morgen führt die Fahrt über die Autobahn Richtung Norden, mit der Pracht ist es schnell vorbei. Über schmale und kurvige Straßen, über Steigungen und lange Gefälle folgen wir der Route. Hier findet sich das Mercedes-Navi gut zurecht, im wilden Osten Albaniens kennt es sich eben aus. Auch wenn wir für ein paar Fotomotive ein paar Schlenker und Umwege wählen, findet der Mercedes wieder auf die Hauptstrecke zurück. Auf dem wirklich fordernden Terrain stellen wir fest, dass wir mit dem langen, aber durchaus handlichen Zweiachser im Tourenalltag sehr gut zurechtkommen.

Auf den Spuren der Via Egnatia
Zahlreiche Neubaustrecken beschleunigen unsere Fahrt, sie sind fast immer mit Bautafeln des saudiarabischen Königreichs gekennzeichnet. Auch der Pass in Richtung Ohridsee, der zweitgrößte See der Balkanhalbinsel liegt auf 695 Meter Meereshöhe. Einer der ältesten Seen der Weltgeschichte, Weltkulturerbe der Unesco mit besonderer Wasserqualität und einer Fülle an Flora und Fauna: An der Uferstraße werden frisch gefangene Ohridforellen feilgeboten, an den Hängen des Jablanica-Gebirges sieht man Weinbauflächen und Kastanien-Plantagen.

Übrigens: Am Ohridsee führte in der Antike die Römerstraße Via Egnatia vorbei, die als Verbindung zu den Städten Thessaloniki und Konstantinopel diente – und deren Richtung wir weiter folgen. Hier stoßen wir auch endlich auf einen der 173.000 pilzförmigen Pillbox-Bunker, die das spätstalinistische Hoxha-Regime zwischen 1972 und 1984 im ganzen Land als Verteidigungsanlagen bauen ließ. Heute dienen die Betonpilze weit zivileren Zwecken, beispielsweise als Eselsstall wie hier.

Und noch ein Handicap zum Finale
Auf dem Weg Richtung griechische Grenze verdichtet sich der Verkehr, bis er kurz vor den Schlagbäumen zum Stehen kommt. Auf der Abfertigungsspur für Omnibusse sammeln sich zahlreiche Schmuckstücke längst verblichener Jahrgänge, unser Tourismo steht sofort im Mittelpunkt des Interesses. Er kommt gut an bei den Kollegen, ohnehin besitzt hier der Stern einen Glanz, der alle Marken bei Weitem überstrahlt. Zeit für diverse Fachgespräche gibt es genug, der vollbesetzte albanische Reisebus vor uns wird an der EU-Außengrenze gründlich gefilzt. Der gefürchtete Showdown bleibt aus, der albanische Grenzer checkt die Papiere und mustert die feinsäuberlich verzurrten Wasserpuppen, die uns als Reisegruppe dienen. Die griechischen Beamten winken uns durch, das schicke Werksauto mit Mannheimer Zulassung macht auch hier mächtig Eindruck.

Und jetzt geht es zügig voran. Von der Grenze bis nach Thessaloniki Autobahn, wir fahren in Griechenland mit vorschriftsmäßigen 90 km/h und meganiedrigen Drehzahlen im 8. Gang. Scheint alles wie am Schnürchen zu klappen, aber wie es der Zufall will, werden wir an der Zufahrtstraße Richtung Zentrum von der Polizei umgeleitet. Der Weg zum Hotel? Geht heute nicht, eine Großdemonstration blockiert alle Innenstadt-Straßen. Unruhige Zeiten in Griechenland, immerhin dürfen wir unseren Hochglanzboliden bei einem Omnibusunternehmen sicher abstellen. So bleibt er heil, wir treten einen längeren Fußmarsch zum Hotel an – doch was würde jetzt ein Busfahrer mit seiner Reisegruppe machen? Am nächsten Morgen ist der Spuk vorbei, die zweitwichtigste Stadt Griechenlands an der Via Egnatia empfängt uns spät im Jahr mit beinahe sommerlichen Temperaturen. Nur noch wenig Zeit bleibt bis zur Rückreise, die wir dem zum Flughafen bestellten Überführungsfahrer neiden: Quer durchs Land nach Igoumenitsa, dann die Fähre nach Italien, das wär´s doch jetzt. Aber heute ist nicht aller Tage Abend – und für ein näheres Kennenlernen hat es doch gereicht.

Die Lorbeeren zuletzt
Auch wenn er nicht der Schönste ist, brechen wir für den neuen Tourismo die Lanze. Ziemlich klaglos hat er sich abseits europäischer Hauptwege bewährt. Nicht der kleinste Defekt fiel an, wenn man von vereinzelten elektronischen Mahnungen absieht: „Kupplung überlastet“ beim Rangieren, der Mercedes lässt die Kupplung bei Schrittgeschwindigkeit gern schleifen. Und jetzt wird der Mercedes auch nicht mehr ungebührlich laut – nein, auch die Heckpassagiere werden mit guten Manieren verwöhnt. Nur im Bug tost es ein wenig, wenn der Wind von der Seeseite kräftig auffrischt.

An Leistung mangelt es dem Mercedes nicht, mit nominell 2.200 Nm Drehmomentmaximum und 456 PS steht der Zweiachser gut im Futter. Den weniger fahraktiven Eindruck verantwortet das achtstufige Powershift-Getriebe, das sehr dem Komfort zugeneigt ist. Und weil hier eine sehr drehzahlsparende Langstreckenachse anschiebt, fallen die Gangsprünge etwas länger aus. Als Fahrer mag man die Präzision des Fahrverhaltens schätzen, aber die Fahrgäste bekommen arg strapazierte Fahrbahnen schon zu spüren – wenn überhaupt, dann sehen wir hier noch etwas Handlungsspielraum. Denn sonst finden wir nur wenige Haare in der Suppe. Fest steht heute: Der neue Tourismo macht seinem Namen Ehre und kommt auch da zurecht, wo es um harte Beförderungsleistungen geht. Den Boulevard und reines Schaulaufen überlässt er gern anderen – obwohl er auch da keine schlechte Figur abgibt.

Wolfgang Tschakert

 

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