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15.04.2018

Valencia von oben

Gesehen und befühlt wurde der neue Setra-Doppeldecker schon genug. Jetzt schlägt ihm die Stunde auf der Straße. Unsere ersten Erfahrungen als Fahrgast und hinter dem Steuer.

Mit den neuen Omnibus wagen die Schwaben einen Schuss mehr Moderne mit verwegenen Linien, die das Understatement des Vorgängers ablegen und neue Akzente setzen. „Richtig dynamisch und deutlich verjüngt“, kommentieren die einen fast beglückt, andere sehen den 531er eher skeptisch und sprechen von unruhiger Designsprache.

Die Produktmanager der Marke sind über die kontroverse Diskussion auch nicht unglücklich. Der neue Doppeldecker ist bei der Zielgruppe jedenfalls im Gespräch, er polarisiert ein wenig. Manche Formen brauchen eben eine Weile, bis sie allgemein Gefallen finden.

Respekt heischend ist er allemal, wenn man direkt vor ihm steht. Schließlich sind es die Abmessungen, auf die man sich einstellen muss. Mit 4 m Höhe muss man seine Fahrwege gründlich planen.

Schließlich sind auch 6,70 m Radstand nicht ohne und erst recht nicht das nach links und rechts schwenkende Heck. Aber das Format ist ja hinlänglich bekannt, nur in der Länge ist der Setra um 11 cm gewachsen. Und steigt man ein, entdeckt man viele bekannte Details.

Es bleibt bei den Stehhöhen im Mittelgang, die Größenordnungen der beiden Decks wurden nicht angetastet. Und öffnet man den Kofferraum, stellt sich die erste Enttäuschung ein. Der technische Steckbrief spricht von 8,4 m3, das Gepäckabteil über der Maschine ist nicht nur klein, sondern auch ziemlich niedrig.

Mehr Platz, zwei Cockpits
Erst mal Platz nehmen hinter dem Volant, das lässt sich der Fahrer gern gefallen. Der verlängerte Vorbau bringt ein paar Zentimeter mehr, hier müssen auch Langbeiner nicht darben. Der Chef kann zwischen zwei verschiedenen Cockpits wählen, diese Strategie kennen wir vom neuen Tourismo.

Der Testbolide ist mit dem Arbeitsplatz der elitären Topclass konfektioniert, da kann man nicht viel meckern. Alle Schalter, Taster und Stellrädchen gehen gut zur Hand, links neben dem Sitz der Knauf der klassischen Feststellbremse – hier ist nicht viel Fortschritt zu erleben.

Natürlich kann sich der Fahrer durch unzählige Menüs klicken, vor einer größeren Fahrt sollte man es tun. Denn sonst fährt man nur im Notmodus und kann viele hilfreiche Funktionen nicht nutzen. Heizung und Klima lassen sich fast intuitiv bedienen, aber ganz ohne Fallstricke geht es nicht ab – wie mitfahrende Kollegen aus dem Obergeschoss berichten. Dort ist es dank der spanischen Frühjahrssonne deutlich wärmer, man muss nachjustieren. Die Klimaautomatik macht es jedenfalls nicht autonom.

Ein Blick vorab in die Spiegel kann nicht schaden. Rechts ist der Weitwinkelspiegel nicht vollends einzusehen und links nur knapp – hier soll es noch eine Nachbesserung geben. Vielleicht mit einer stärkeren Anschrägung des Bodens im Obergeschoss, so macht es VDL beim Futura DD beispielhaft. Aber die Übersicht ist nicht grundsätzlich zu monieren, der Fahrer sitzt schon ziemlich nah am Geschehen.

Die ersten Meter machen auch gleich klar, dass man hier ein schweres Gefährt bewegt. Die Lenkung verlangt Nachdruck, gerade im Stadtverkehr. Und im ersten Kreisverkehr fällt auf, dass es mit den Rückstellkräften am Lenkrad nicht allzu weit her ist.

Man kurbelt rein und man kurbelt raus, der Doppeldecker-Chauffeur hat gut zu tun. Da ist er froh, dass die Schaltarbeit entfällt. Die Powershift-Automatik sortiert die Gänge komfortabel, der Gangwechsel wird nur auf dem Drehzahlmesser erlebbar.

Nein, nicht ganz, man hört ihn auch. Denn im Unterdeck dominieren die Antriebs- und Reifenlaufgeräusche die Akustik. Das große Komforterlebnis gibt es im Doppeldecker nur im Oberdeck, das ist auch beim neuen Setra nicht anders.

Bewährte Komponenten
Der 531er rollt wie schon sein Vorgänger auf 315/80er-Pneus. Und wir wollten wissen, warum die Entwickler nicht auf den flacheren 70er-Reifenquerschnitt übergegangen sind. „Aus Komfortgründen“, argumentieren sie, „der 80er-Reifen bietet das bessere Abrollverhalten.“ Jedenfalls kann es nur marginal sein, wir kennen ja auch die Konkurrenz. Speziell die Vorderachse rollt wenig geschmeidig ab, über harte Fahrbahnkanten poltert sie wenig dezent.

Am Wank- und Rollverhalten gibt es nichts auszusetzen. Enge Kurven umrundet der hohe Setra relativ straff gedämpft, man hat ihn nach kurzer Einfahrbekanntschaft gut im Griff.

Aber er lehnt sich arttypisch deftig nach außen, als Doppeldeckerpilot muss man schon wissen, was man tut.

Auch beim Antriebsstrang bleibt es bei bewährten Komponenten. Der 12,8 l große OM 471 hat zuletzt noch eine Überarbeitung erfahren, er liefert seine 510 PS schon bei 1.600 Touren.

Der Reihensechszylinder liefert schon knapp über Leerlaufdrehzahl verwertbares Drehmoment, mit wenig Gas geht es durch Valencia, das Powershift-Getriebe macht einen guten Job. Schnell ist man auf Autobahn-Tempo, heute irritiert starker Seitenwind von der Meerseite den Kurs.

Da reichen ja auch 95 km/h, wir haben es heute nicht eilig. Schnellstraßen sind das Revier des Doppeldeckers, hier zieht er ziemlich souverän seine Bahn. Unterstützt vom GPS-Tempomaten, der hier keine Sparverbräuche aus dem Hut zaubern kann.

Es geht bretteben an der Küste entlang, da kann man weder segeln noch Kuppen schinden. Der ART (Abstandsregeltempomat) macht seine Sache gut, der Spurassi mahnt zu diszipliniertem Fahren. Und der Notbremsassistent ABA 4 bleibt diskret im Hintergrund, er gibt auch keine überflüssigen Warnmeldungen ab.

Weitere Pluspunkte fährt sich der brandneue Abbiegeassistent ein, der in der Stadt beim Rechtsabbiegen sichert und auf der Autobahn den Spurwechsel (nach rechts) überwacht.

Treppe 1 rechts oder links
Am nächsten Rasthof ist die aktive Verkostung auch schon vorbei, mit einem Kaltgetränk sind wir auf dem Weg ins Oberdeck zum Chillen. Die vordere Aufstiegstreppe ist dank der Fenster hell, fällt aber ziemlich schmal aus – breithüftige Fahrgäste sollten besser den breiteren Mittel-Aufstieg wählen.

Der Kunde hat die Wahl: Die Treppe 1 rechts oder links, der Setra-Produktmanager empfiehlt für den Fernlinienbus den rechten Aufstieg. Und links für den Touristikbus, das sind auch die beiden Grundtypen, die Setra jetzt in diesem Segment baut. Der Fernlinien-Doppeldecker bekommt die breitere Mitteltür plus Rollstuhlrampe, klappbar oder einhängbar als Faltrampe.

Die rechte Sitzreihe wird ohne Podest sowie mit Verstell- und Sicherungsschienen im Boden montiert. Fast barrierefrei ist der Zugang zum Waschraum, der sitzt jetzt diagonal im Eck.

Mit mehr Stehhöhe (jetzt 1,82 m) und marginal mehr Raum, für den Fernlinienverkehr kann eine robustere Einrichtung gewählt werden. Der Abwassertank bleibt so groß wie gehabt, er wurde noch für den 431er von 105 auf 150 l vergrößert.

Begehrt ist natürlich der Platz an der Sonne, im Oberdeck ganz vorn in Reihe 1 ist man hautnah am Verkehrsgeschehen. Und entdeckt Sehenswürdigkeiten, bekommt Einblicke, auch über Mauern. Die Front unter der Windschutzscheibe ist jetzt neu eingekleidet, mit zweifarbigem Kunststoff, Cupholdern und Haltstange.

Hier spricht der Hersteller von einen zweiten Cockpit für die Fahrgäste, die Ablage reicht für Tablets oder einen Snack. Und oben im Fenstereck ragen aus der A-Säule kompakte Monitore, die das Bild der Infotainmentanlage zeigen. Natürlich gibt es Wifi an Bord.

Zur Stromversorgung der eigenen Geräte gibt es Steckdosen oder USB-Anschlüsse. Aber der eigentliche Genuss im Doppeldecker ist, manche sehen es auch anders, die komplette Entkoppelung von Fahrbahn und Antrieb. Wenn man dann noch auf Ambassador-Stühlen mit verstellbaren Kopfstützen sitzt, möchte man auch mit einem Flugreisenden nicht tauschen.

In Summe
Der neue Setra S 531 DT bietet bekannt-bewährte Technik mit extrovertiertem Design. Umsteiger von 431er haben es jedenfalls nicht schwer, sie sind schnell mit dem neuen Doppeldecker per Du.

Einen Schritt nach vorn macht der größte Neu-Ulmer mit starken Assistenzsystemen, großen technischen Fortschritt haben wir nicht gesehen. Vielleicht steckt er in der harmonischen Abstimmung aller Systeme. Sie zu entdecken, dafür war unser e kleine Probefahrt wohl zu kurz. Es waren auch sehr frühe Fahrzeuge, kleine Änderungen sind bereits angekündigt.

Technische Daten
Motor

Reihensechszylinder Typ OM 471, Turboaufladung und Ladeluftkühlung, Direkteinspritzung mit CR-System, vier Ventile pro Zylinder, abgasarm nach Euro 6 mit AGR, SCR-Kat und PDF.
Hubraum 12.810 cm³
Nennleistung375 kW/510 PS bei 1.600 U/min
Max Drehmoment2.500 Nm bei 1.100 U/min

Kraftübertragung
automatisierte Einscheibentrockenkupplung, automatisches Achtgang-Schaltgetriebe GO 250-8 Powershift, Achsübersetzung i = 3,583

Bremsanlage, Lenkung
Assistenz- und Sicherheitssysteme
Elektronisch geregelte Zweikreis-Druckluftbremsanlage (EBS), rundum Scheibenbremsen mit elektronischer Belagverschleißanzeige, Dauerbremse Sekundär-Wasserretarder von Voith, Motorbremse, ESP, ABS und ASR, DBL, ART, ABA 4, Abbiegeassistent, Attention Assist, PPC-Temomat

Lenkung
Hydraulische ZF-Lenkung Typ Servocom 8098 geschwindigkeitsvariabel geregelt.

Maße und Gewichte
Länge/Breite/Höhe 14.000/2.550/4.000 mm
Radstand 6.700/1.350 mm
Überhang vorn 2.705 mm
Überhang hinten 3.245 mm
Wendekreis 23.100 mm
Kofferraumvolumen 8,4 m³
Kraftstofftank 480 l
Adblue-Volumen 40 l
Zul. Gesamtgewicht 26.000 kg
Fahrgastplätze 78 + 1 +1 Sitzplätze

Wolfgang Tschakert

 

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