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15.02.2018

Zwei schlanke Business-Typen

Große Aufmerksamkeit ist dem neuen Tourismo sicher. Und richtig gespannt haben wir die ersten Kilometer mit dem Newcomer zurückgelegt. Besonderes Augenmerk genießen die beiden Zweiachser mit hohem Neuheitswert.

Endlich ist es soweit. Nach den statischen Präsentationen und Messeauftritten darf sich der taufrische Tourismo auf der Straße beweisen. Die Omnibusbranche wartet mit Spannung auf den ersten Einsatz, wie wird sich das Nachfolgermodell des europaweit erfolgreichsten Reisebusses schlagen? Etwas Skepsis noch, bevor wir loslegen. Schließlich sind Fahrberichte, die man bei Modellpräsentationen fertigt, auch immer eine Gratwanderung.

Zu scharf darf man nicht urteilen, weil ja die Argumentationsgrundlage nicht hieb- und stichfest ist. Und man muss höllisch aufpassen, dass man den Marketingbotschaften nicht auf den Leim geht. Aber diesmal ist alles anders, unsere beiden Tourismo-Zweiachser parken nur wenige Meter von der kroatischen Küstenstraße entfernt. Wenn das keine Ansage ist – dann mal los mit den beiden Hochdeckern.

Zweiachser im Trend
Im ersten Schritt beschränkt sich der Marktführer auf klassische Hochdecker, das Volumensegment. Die gibt es in drei Längen: 12,30 m, 13,12 m, 13,94 m. Uns haben es die Zweiachser angetan, die ja jetzt groß im Kommen sind. Gerade die mittlere Fahrzeuglänge verspricht künftig Zuwachs, der neue Mercedes-Typ heißt Tourismo „M Strich Zwei“, er soll vor allem den Fernbusmarkt aufmischen. Mit seiner auf 7,5 t aufgelasteten Vorderachse darf er auch auf Deutschlands Straßen 19,5 t wiegen. Wenn man allerdings in die technischen Daten schaut und die Summe der zulässigen Achslasten nachrechnet, bleibt es bei 19 t – oder haben wir uns da verrechnet?

Mit mehr Länge und Gewicht verträgt er eine Sitzreihe mehr, in unserem Fall sind es 48 Fahrgastsitze mit 4-Sterne-Komfort. Und eine Achse weniger reduziert den Rollwiderstand, in manchem Nachbarland werden weniger Mautgebühren verlangt – dieses Effizienzangebot lassen sich kostenbewusste Betreiber sicher nicht entgehen. Selbst wenn es ums Gepäck geht, gibt es ein gutes Pro-Argument: Bis zu 11 m3 passen hinter die großen Klappen. Das meiste auf der linken Seite, hier darf der Hersteller gern ein wenig nachbessern: Die Kofferklappen schwenken nicht sonderlich weit nach oben, die erste Kopfnuss beim Laden vergisst man nicht so schnell.

Hier hat auch der zweite Proband nicht mehr zu bieten. Eher weniger, der 12,3 m lange Hochdecker packt unterflur rund 8,7 m3 Gepäck. Die Außenspiegel in Einheitsschwarz signalisieren: Hier kommt es nicht so sehr auf die Optik an. Der Hersteller präsentiert sein Einstiegsmodell sehr konsequent und selbstbewusst mit 49 Travel-Star-Eco-Sitzen, plus Toilette mit Wasserspülung – was man halt so braucht im Reisebus-Alltag. Wesentliche Besonderheiten findet man dann Heck, wenn man die Motorklappe öffnet. Dort sitzt anstelle des etatmäßigen OM-470-Sechszylinders der 7,7 l kleine OM-936-Diesel, der sein Drehmoment an ein sechsgängiges Handschaltgetriebe schickt. Die Kombination macht neugierig, unsere ersten Tourismo-Kilometer gehören dem Einstiegsmodell.

Technische Daten Mercedes-Benz Tourismo RHD
Motor

Reihensechszylinder-Motor OM 936, stehend im Heck, Turbolader und Ladeluftkühlung, Common-Rail-Direkteinspritzung, vier Ventile pro Zylinder, abgasarm nach Euro 6 mit Abgasrückführung, SCR-Katalysator und Partikelfilter.
Hubraum 7.698 cm³
Nennleistung354 PS (260 kW) bei 2.200/min
Max Drehmoment 1.400 Nm bei 1.200 bis 1.600/min

Kraftübertragung
Manuelles 6-Ganggetriebe GO 190-6, Übersetzungen i = 8,173–1,0, einfach untersetzte Hinterachse, i = 3,154

Fahrwerk
Luftfederanlage mit elektronisch geregelter Fahrwerkregulierung; Vorderachse: Einzelradaufhängung ZF RL 75 E; zul. Achslast: 7,5 t; hinten starre Antriebsachse MB RO 440, zul. Achslast: 11,5 t. Reifen 295/80 R 22,5.

Bremsanlage, Assistenzsysteme
EBS-Druckluftbremsanlage mit Scheibenbremsen plus ABS und ASR; Sekundär-Wasser-Retarder von Voith. ESP und Bremsassistent, Spurassistent, Notbremsassistent AEBS.

Lenkung
Bosch-Kugelmutterlenkung Typ Servocom 8098.

Maße und Gewichte
Länge/Breite/Höhe 12.295 x 2. 550 x 3.680 mm
Radstand 6.090 mm
Kofferraumvolumen max. 8,7 m3
Tankinhalt 480 l
Zulässiges Gesamtgewicht 19.500 kg

Fahrgastkapazität
Sitzplätze 49 + 1 + 1

Technische Daten Mercedes-Benz Tourismo RHD M-2
Motor
Reihensechszylinder-Motor OM 470, stehend im Heck, Turbolader und Ladeluftkühlung, Common-Rail-Direkteinspritzung, vier Ventile pro Zylinder, abgasarm nach Euro 6 mit Abgasrückführung, SCR-Katalysator und Partikelfilter.
Hubraum 10.677 cm³
Nennleistung428 PS (315 kW) bei 1.600/min
Max Drehmoment 2.100 Nm bei 1.100/min

Kraftübertragung
Automatisiertes Powershift-8-Ganggetriebe GO 250-8, Übersetzungen i = 6,57–0,63, einfach untersetzte Hinterachse, i = 3,583

Fahrwerk
Luftfederanlage mit elektronisch geregelter Fahrwerkregulierung; Vorderachse: Einzelradaufhängung ZF RL 75 E; zul. Achslast: 7,5 t; hinten starre Antriebsachse MB RO 440, zul. Achslast: 11,5 t. Reifen 295/80 R 22,5.

Bremsanlage, Assistenzsysteme
EBS-Druckluftbremsanlage mit Scheibenbremsen plus ABS und ASR; Sekundär-Wasser-Retarder von Voith. ESP und Bremsassistent, Spurassistent, ART, Notbremsassistent ABA3.

Lenkung
Bosch-Kugelmutterlenkung Typ Servocom 8098.

Maße und Gewichte
Länge/Breite/Höhe 13.115 x 2. 550 x 3.680 mm
Radstand 6.910 mm
Kofferraumvolumen max. 11 m3
Tankinhalt 480 l
Zulässiges Gesamtgewicht 19.500 kg

Fahrgastkapazität
Sitzplätze 48 + 1 + 1

Der Platz an der Sonne
Erst mal Platz nehmen hinter dem Volant: Auch wenn es nur das einfache Basis-Plus-Cockpit ist, fühlt man sich schnell zu Hause – oder vielleicht gerade deswegen. Großgewachsene Chauffeure müssen keinen Platzmangel fürchten, die neue Pedalerie ist Spitze. Und hier verdient der Tourismo eine glatte Eins: Die Übersicht nach vorn und zu den Seiten lässt keine Wünsche offen. Wohltuend die reduzierten und gut geordneten Taster, Digitacho und Klimacenter sind immer im Blick und gut erreichbar. Das Funktionslenkrad, natürlich ohne Lederbezug, ist Serie, die große Infotainmentanlage muss man nicht in jedem Fall haben. Kein Wunder, dass sich die Fernbus-Unternehmen gerade für diesen Fahrerplatz interessieren – so haben wir es auf der Busworld gehört.

Jetzt aber nichts wie weg, der Kollege im „M-2“ ist schon um die nächste Ecke. Unser RHD drückt selbst bei Vollgas seine Mitfahrer nicht in die Sitze. Etwas Gefühl beim Wegfahren, dann verlangt der OM 936 ein paar Drehzahlen mehr, damit einerseits die Anschlüsse angesichts langer Gangsprünge passen. Der kleine Reihensechser schüttelt das Drehmoment nicht locker aus dem Ärmel, für standesgemäße Fahrleistungen braucht es schon höhere Drehzahlen für die notwendige Leistung am Rad.

Unwillkürlich drängen sich ein paar Erinnerungen nach vorn – ja, ist fast wie früher, wo man drehfreudige Diesel bei Laune halten musste. Der Fahrkomfort und die Fahrleistung hängen bei diesem Antriebsstrang eindeutig vom Können des Fahrers ab. Obwohl man dem Sechsgang-Getriebe GO 190-6 attestieren darf, dass es sich deutlich verbessert präsentiert. Kein Kraftaufwand mehr und nicht mehr so knorpelig, der Schalthebel an der Mittelkonsole flutscht jetzt leicht durch die beiden Gassen. Aber auf der Küstenstraße und seinen vielen Kurven und Kehren wird schon viel gerührt.

Und auch ein wenig geschüttelt, eine 1a-Fahrbahn kann die Jadranska Magistrala nur stellenweise bieten. So rumpelt der straff gedämpfte Tourismo RHD schon vernehmlich über Querfugen und Verwerfungen, was immer wieder heißt: runter mit der Geschwindigkeit. Nach einigen Kilometern und der Rückbesinnung auf verschüttetes Schaltvermögen stellt sich im RHD schon so etwas wie Fahrvergnügen ein. Der fast sportlich abgestimmte Tourismo liegt wirklich satt auf der Straße, er folgt der Lenkung enorm präzise. Und weil jetzt die Drehzahlen und die Schaltpunkte passen, können wir dem stärker motorisierten „M-2“-Kollegen mühelos folgen. Bis zum nächsten Rastplatz, dort ist der Fahrzeugwechsel vereinbart.

Souverän mit 428 PS
Auch der 80 cm längere 13-m-Tourismo zeigt sich von der sachlich-nüchternen Seite. Da wie dort die knapp geschnittenen Fahrgastsitze, die aber mit feingesteppten Flächen durchaus zum Mitfahren einladen. Der Sitzabstand ist opulent, so lässt es sich reisen. Atmosphärisch bleibt der Innenraum aber eher technisch kühl. Für den Fernbetrieb hält der Hochdecker die übliche Toilette/Küche-Ausstattung und den unvermeidlichen Coach-Media-Router bereit, so haben die Passagiere während der Fahrt Zugang zum Internet.

Und unüberhörbar: Jetzt geht es leiser zu im Tourismo als früher, der Vorgänger hatte noch eine deutlich herbere Aussprache gepflegt. Der 10,7 l große Reihensechszylinder tönt weniger kernig, gerade unter Volllast. Verantwortlich dafür dürfte das neue Zweimassenschwungrad sein, das die Vibrationen eliminiert, wenn der Diesel aus dem Drehzahlkeller beschleunigt. Er versieht seinen Job schon recht souverän, mit 428 PS und 2.100 Nm Drehmoment hat er mit dem fast leeren Bus ein leichtes Spiel.

Es soll ja gegenüber dem Vorgängermodell noch um 200 Kilo abgespeckt haben. Recht schnell wird klar, dass der längere Zweiachser längst nicht so flink durch die Kurven eilt. Mit 6,9 m Radstand ist er in engen Revieren gehandicapt, dafür hält er auf der Autobahn unerschütterlich seinen Kurs, auch wenn der aufkommende Fallwind jetzt böig von der Seite kommt. Mit der fernlinientauglichen 3,58er-Übersetzung verlangt das Achtgang-Getriebe nur knapp 1.200 Touren, bei fallenden Drehzahlen am Berg bleiben noch ausreichend Reserven. Das automatisierte Getriebe ist State of the Art und gewiss eine Empfehlung wert, besser kann man kaum schalten. Bei Drehzahlbedarf geht es zackig, dann wieder omnibusfein, dass man den Gangwechsel nur am Drehzahlmesser bemerkt.

Auch hinterm Steuer wird mehr Komfort geboten, der Grammer-Fahrersitz aus der Grundausstattung reicht in den meisten Fällen. Unser Tipp: Vor dem Kauf probesitzen, der Hersteller bietet hier ein ganzes Sortiment. Das Comfort-Plus-Cockpit lockt Chauffeure mit feinem Lederlenkrad, elektrischen Dachluken und dem neuen Coach-Media-System. Der längere Zweiachser hat auch alle Sicherheitssysteme an Bord, der neue Tourismo kann neuerdings mit allen verfügbaren Assistenten – auch mit dem ABA 4-Notbremsassistenten – zum Safety-Coach hochgerüstet werden. Sie stehen auf der Optionsliste, man muss sie also extra bezahlen.

Das viel gepriesene LED-Licht bleibt dem Tourismo noch verwehrt. Er trägt ja die Bi-Xenon-Scheinwerfer der schweren Actros-LKW – erst wenn der LED-Scheinwerfer bekommt, werden sie auch für den Tourismo angeboten. Und noch ein paar Kleinigkeiten haben wir uns notiert: Das nicht ganz billige Navigationsgerät hat nicht wunschgemäß funktioniert. Und die Ecoroll-Funktion lässt den Tourismo nur im PPC-Tempomat-Betrieb segeln, nicht aber, wenn man mit dem Pedal fährt. Doch die Test-Begleiter beruhigen: „Es sind ja noch sehr frühe Fahrzeuge. Technisch wird da und dort nachgebessert“. Der Tourismo hat noch etwas Luft nach oben, wir bleiben jedenfalls am Ball.

Unter dem Strich
Der erste Auftritt hat überzeugt, der neue Tourismo ist modern, aber bodenständig. Kein Überflieger mit verwegenen Technologien, aber genau deshalb trifft er den Geschmack und die Anforderungen der Kunden. Mit der Einstiegsmotorisierung ist der nutzlaststarke Zweiachser ein Fall für kürzere Distanzen und einfache Topografien, einer für die Pflicht und weniger für die Kür. Dann freilich mit Powershift-Getriebe oder Ecolife-Getriebe, das gut funktionierende Handschaltgetriebe lässt sich besser mit dem großen Motor kombinieren. Effizienter aber ist das automatisierte Achtganggetriebe, das im langen M-Strich-Zwei-Tourismo eine gelungene Vorstellung gibt. Der empfiehlt sich nachdrücklich für die Fernlinie, auch wenn wir da und dort noch ein wenig Handlungsbedarf sehen.

Wolfgang Tschakert

 

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